Seit 100 Jahren setzt sich die International Labour Organization (ILO) für soziale Gerechtigkeit durch menschenwürdige Arbeit ein. Zum Jubiläum hat die Globale Kommission zur Zukunft der Arbeit bei der ILO einen Bericht verfasst. Work for a brighter future wurde kürzlich veröffentlicht. DGUV Kompakt sprach darüber mit Dr. Annette Niederfranke, Direktorin der ILO-Vertretung in Deutschland.

Das Bild zeigt zwei indische Männer an ihren Nähmaschinen.

Weltweit leben über 300 Mio. Menschen in extremer Erwerbsarmut. Die ILO will in ihrem Jubiläumsjahr ihre politische Agenda vorantreiben und formuliert ihre Forderungen im Grundsatzpapier " Die Zukunft der Arbeit".

 

Vor der Gründung der ILO hatte die Industrialisierung das soziale Gefüge in Europa und den USA aus den Angeln gehoben. Heute befinden wir uns erneut in einem Transformationsprozess. Zeit für einen neuen Sozialvertrag?


Die Geburtsstunde der ILO 1919 – in der historischen Situation revolutionärer Umwälzungen nach dem 1. Weltkrieg und der Industrialisierung – markiert den Beginn der Sozialpartnerschaft auf internationaler Ebene. Zeitgleich steht das Stinnes­Legien­Abkommen in Deutschland für den Start geordneter Lohnvereinbarungen zwischen den Arbeitgeber­ und Arbeitnehmerverbänden.
100 Jahre später verfügen wir über eine funktionierende Sozialpartnerschaft, die den Praxistest angesichts von Krisen und Katastrophen bestanden hat. So hat Deutschland die Wirtschafts- und Finanzkrise 2009 schneller und besser überwunden, weil die richtigen arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen im Konsens der Sozialpartner eingesetzt wurden. Heute wird der Sozialvertrag durch den digitalen Strukturwandel weltweit auf eine neue Probe gestellt. Die Zukunft der Arbeit ist die zentrale Gestaltungsaufgabe verbunden mit der Aufgabe, den Sozialvertrag mit neuem Leben zu füllen.


Drei Ziele verfolgt die „am Menschen orientierte Agenda“: Verstärkt in die Fä-higkeiten der Menschen, in die Institutionen der Arbeit und in menschenwür-dige und nachhaltige Arbeit investieren. Wie kann diese Agenda in die Gesell-schaften hineingetragen werden?

Regierungen und Sozialpartner müssen Verantwortung auf nationaler Ebene übernehmen, einen sozialen Dialog in Gang setzen und Leitplanken für den Arbeitsmarkt der Zukunft entwickeln. Was sind die besten Wege, um Menschen die Angst vor dem sozialen Abstieg zu nehmen und eine Zukunftsperspektive aufzubauen? Als Ergebnis sollten nationale Strategien mit Vorschlägen für nachhaltige Investitionen in menschenwürdige Arbeit stehen. Leitidee ist eine Arbeitswelt, in der der Mensch die Letztentscheidung behält und diese nicht an Künstliche Intelligenz abgibt. Die ILO will Ansprechpartnerin und Impulsgeberin für die nationalen Strategien sein.
Auf internationaler Ebene muss die vorgeschlagene Agenda in der Verantwortung multilateraler Institutionen gestärkt werden. Ziel ist die systematische, abgestimmte Zusammenarbeit zwischen der ILO, der Welthandelsorganisation und den Bretton­Woods­Institutionen. Alle müssen an einem Strang ziehen, um Arbeitnehmerrechte in Freihandelsabkommen einzubeziehen, denn ein freier und fairer Handel kann nur durch menschenwürdige Arbeit erreicht werden. Die ILO bleibt die Vorkämpferin und Anwältin der Arbeitnehmerrechte.


Explizit fordert der Bericht die Entwicklung eines internationalen Systems zur Regelung digitaler Arbeitsplattformen, das alle Beteiligten zur Einhaltung bestimmter Mindestrechte und -schutzvorkehrungen verpflichtet. Wie könnte das aussehen?


Ziel ist die Durchsetzung menschenwürdiger Arbeit auf digitalen Plattformen und die Aufrechterhaltung von Autonomie und Kontrolle in der Nutzung Künstlicher Intelligenz. Da die Arbeit auf digitalen Plattformen über nationale Grenzen und internationale Rechtsordnungen hinweg geleistet wird, sind wirksame internationale Normen notwendig, ein internationales Governance ­ System zur Regulierung der Plattformen, das bindend für alle ILO­ Mitgliedsstaaten ist. Dies impliziert, dass die Plattformen, ihre Betreiber und die Auftragnehmer zur Einhaltung bestimmter Mindestrechte und Schutzvorkehrungen verpflichtet werden. Das ist nicht neu. Als Vorbild kann der Arbeitsplatz „Meer“ gelten, für den es bereits Regulierungen gibt. 2006 wurde mit dem Seearbeitsübereinkommen eine Art globales Arbeitsgesetzbuch für Seeleute geschaffen, deren Tätigkeit verschiedenen Rechtsordnungen folgen.

Der Bericht fordert eine Universal Labour Guarantee für alle, gleichgültig welcher Art die Beschäftigungsverhältnisse sind. Was meinen Sie damit?


Weltweit sind 2 Mrd. Menschen in der informellen Wirtschaft tätig, 300 Mio. Menschen leben in extremer Erwerbsarmut (weniger als 1,90 US$ pro Tag). Der Anteil an diskontinuierlichen Berufsverläufen und atypischen Beschäftigungsverhältnissen steigt, die Grenzen zwischen selbstständiger und nichtselbstständiger Beschäftigung schwinden, der Anteil der Soloselbständigen wächst. Das geschlechtsspezifische Lohngefälle liegt weltweit bei 20 Prozent und gut 36 Prozent der Erwerbstätigen haben überlange Arbeitszeiten (mehr als 48 Stunden pro Woche). All das hat massive Auswirkungen auf Arbeitsrechte, Arbeitsschutz­ und Arbeitssicherheit und damit auf das Leben und die Würde der Arbeitenden.
Die Globale Zukunftskommission schlägt eine allgemeine Garantie für Arbeitende vor, unabhängig vom Erwerbsstatus oder vertraglicher Vereinbarungen. Für alle sollen die grundlegenden Rechte bei der Arbeit (Kernarbeitsnormen) gelten. Wichtige Forderungen sind zudem der Anspruch auf einen „zur Bestreitung des Lebensunterhaltes angemessenen Lohn“ (Verfassung der ILO 1919) so­wie Obergrenzen für Arbeitszeit und die Durchsetzung von Arbeitsschutz. Der Bericht ist wegweisend. Er dient als eine Grundlage für die Vorbereitung der Internationalen Arbeitskonferenz im Juni und ein mögliches Abschlussdokument.


Web: www.ilo.org > Publications > Work for a brighter future

Das Bild zeigt Dr. Annette Niederfranke, Direktorin der ILO Vertretung in Deutschland

Dr. Annette Niederfranke, Direktorin der ILO Vertretung in Deutschland