Im Gespräch mit Dr. Walter Eichendorf, stv. Hauptgeschäftsführer der DGUV

Wer im Freien arbeitet, ist mehr krebserzeugender ultravioletter Strahlung ausgesetzt als andere Beschäftigte. Wie stark belastet welche Berufe tatsächlich sind, darüber fehlten bislang präzise Angaben. Diese Wissenslücke schließt eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) in Sankt Augustin. Insgesamt 600 Probandinnen und Probanden mit unterschiedlichen Berufen wurden dazu mit einem neu entwickelten Messgerät ausgestattet, mit dem sich die UV-Exposition direkt an der Person messen lässt. Die Studie zeigt: Die Belastung der unterschiedlichen Berufsgruppen ist bei der Arbeit im Freien erheblich. DGUV Kompakt sprach mit Dr. Walter Eichendorf über die Ergebnisse und ihre Bedeutung für die Prävention.

 

Herr Dr. Eichendorf, dass UV-Strahlung der Haut schaden kann, ist bekannt. Warum hat die gesetzliche Unfallversicherung hierzu noch ein eigenes Forschungsprojekt durchgeführt?

Die Frage ist berechtigt. Dass UV-Strahlung Krebs erzeugen kann, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben – nur handeln noch viel zu wenige Menschen entsprechend. Das gilt nicht nur für die Freizeit, sondern auch für die Arbeit. Das macht uns Sorgen, denn auch wir sehen die Folgen in unseren Statistiken. Seit letztem Jahr kann weißer Hautkrebs als Berufskrankheit anerkannt werden. Quasi aus dem Stand ist er zu einer der am häufigsten anerkannten Berufskrankheiten geworden. Mehr Prävention wäre also wichtig. Wenn Sie sich aber ansehen, wer alles draußen arbeitet, dann erkennen sie schnell: Die Tätigkeiten sind sehr unterschiedlich. Wir brauchten also einen Überblick darüber, wie hoch die Belastung in den jeweiligen Berufsgruppen ist, damit wir als Unfallversicherung maßgeschneiderte Angebote machen können. Das war der Hintergrund für die Studie.

 

Über welche Strahlendosen sprechen wir konkret?

Das ist je nach Beruf sehr unterschiedlich. In Steinbrüchen und im Kanalbau beträgt sie zum Beispiel das Dreifache der Belastung im Ackerbau oder bei der Postzustellung zu Fuß. Einiges hat uns auch überrascht: Im Gartenbau hätten wir eigentlich über alle Berufsgruppen hinweg eine ähnlich hohe Belastung erwartet. Tatsächlich macht es aber doch einen Unterschied, ob man in einer Baumschule arbeitet oder Zierpflanzen anbaut.

 

Das heißt, in manchen Berufen muss man eventuell nichts tun?

Nein. Zwar bekommen Erzieher mit 96 Einheiten der Standard-Erythem-Dosis (SED) erheblich weniger ab als zum Beispiel Gleisbauer mit über 600. Wenn Sie sich aber vergegenwärtigen, dass eine SED ausreicht, um einen Sonnenbrand beim Hauttyp 1 …

 

… helle Haut, helles Haar, blaue Augen …

… auszulösen, dann wird Ihnen schnell klar: 96 SED sind genug, um für die Dauer von mehr als drei Monaten an jedem Tag Sonnenbrand zu bekommen. Der Schluss „vergleichsweise geringe Belastung, keine Prävention“ wäre also falsch.

 

Das Bild zeigt vier Bauarbeiter, die bei tiefstehender Sonne auf einer Baustelle arbeiten.

Die Vorbeugung von UV-bedingten Hauterkrankungen ist ein wichtiger Teil der Präventionsarbeit der gesetzlichen Unfallversicherung

 

Leiten Sie auch politische Forderungen aus diesen Ergebnissen ab? Zum Beispiel verbindliche Maßnahmen für die Prävention?

Das wird man sich anschauen müssen. Auf jeden Fall gibt es jetzt eine valide Datengrundlage für weitere Schritte wie eine präzise Gefährdungsbeurteilung. Ähnlich wie bei anderen physikalischen Belastungen am Arbeitsplatz, zum Beispiel bei Lärm oder Strahlung, müssen Arbeitgeber natürlich geeignete Präventionsmaßnahmen ergreifen. Schwierig ist allerdings, den Arbeitgebern konkrete Maßnahmen vorzuschreiben. Die Tätigkeiten bei Beschäftigten, die im Freien arbeiten, unterscheiden sich wie gesagt sehr. Eine „One size fits all-Lösung“ gibt es hier nicht. Deshalb kann die Basis der Prävention in jedem Unternehmen nur die individuelle Gefährdungsbeurteilung sein. Zunächst schaut man sich an, in welchen Situationen die Beschäftigten Sonnenstrahlung ausgesetzt sind. Dann werden darauf abgestimmte Maßnahmen zur Prävention festgelegt: Dabei kann es sich um technische oder organisatorische Maßnahmen handeln, zum Beispiel das Aufstellen eines Sonnensegels oder aber die Verlagerung der Arbeitsschichten in die Morgen- und Nachmittagsstunden. Nächste Stufe ist dann UV-abweisende Kleidung und zum Beispiel ein breitkrempiger Hut, der auch das Gesicht schützt. Sonnenschutzcremes empfehlen wir nur sehr selten. Sie kommen nur in Betracht, wenn der Schutz sich wirklich anders nicht gestalten lässt. Selbst dann ist mehrfaches Eincremen bei schweißtreibender Arbeit und Staub oder Dreck kein Vergnügen.

 

Müssen Arbeitgeber die Sonnencreme dann auch bezahlen?

Wenn in eher seltenen Fällen die Gefährdungsbeurteilung zu dem Schluss gelangt, dass der UV-Schutz wirklich anders nicht zu gewährleisten ist, dann ja. Aber wie gesagt: Sonnencreme ist nicht Plan A oder B, sondern Plan Z. Zuerst kommen technische und organisatorische Maßnahmen, dann körperbedeckende Kleidung und Kopfschutz, zum Beispiel der Hut mit breiter Krempe.

 

Das wird aber auch gegenüber den Beschäftigten Überzeugungsarbeit bedeuten. Nicht jeder mag es, in verschwitzter Kleidung zu arbeiten.

Das ist auch nicht erforderlich. Aus dem Freizeitbereich kommend gibt es inzwischen sehr viel Kleidung, die keinen Schweiß aufnimmt und gleichzeitig gegen UV-Strahlung schützt. Die Berufsgenossenschaften und Unfallkassen geben gerne Hinweise dazu.

 

Das Bild zeigt Dr. Walter Eichendorf, den stellvertretenden Hauptgeschäftsführer der DGUV.

Dr. Walter Eichendorf

stv. Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung