Als breite Allianz für den Arbeitsschutz – so versteht sich die Kommission Arbeitsschutz und Normung (KAN), die im Dezember 2019 ihr 25-jähriges Bestehen feierte. DGUV Kompakt sprach mit Dr. Dirk Watermann, Geschäftsführer der KAN, über neue Herausforderungen im Bereich der Normung.

Das Bild zeigt verschiedene Lichtquellen von Weiß-bis Blaulicht.
Die Kommission Arbeitsschutz und Normung untersuchte jüngst die nichtvisuelle Wirkung von Licht auf den Menschen.

Herr Dr. Watermann, vor 25 Jahren wurde die KAN gegründet. Aus welchen Beweggründen?

Entscheidend dafür waren europäische Entwicklungen und hier vor allem die 1989 verabschiedete EU-Maschinenrichtlinie, mit der den nationalen Regelsetzern – Staat und Unfallversicherungsträgern mit den Sozialpartnern – das Recht genommen wurde, die Beschaffenheit von Maschinen und Anlagen konkret zu regeln. Dies wurde nun der privatrechtlich organisierten Europäischen Normung übertragen. Deutschland suchte nach einem Weg, dem Arbeitsschutz auch in diesem neuen System eine starke Stimme zu verleihen. Alle relevanten Kreise sollten an einem Tisch gemeinsame Positionen entwickeln können, die als deutsche Arbeitsschutzmeinung in die Normung eingebracht werden kann. Die Geburtsstunde der KAN!

Die Entwicklung ging weiter: Heute ist Normung international und die wirtschaftlichen Machtverhältnisse verändern sich. Welchen Einfluss haben Länder wie China oder die USA auf die Normungsprozesse?

Der Einfluss der USA dürfte in den letzten Jahren, genau wie der Deutschlands, in etwa gleichgeblieben sein. Beide halten einen hohen Anteil an Sekretariaten, die für den Arbeitsablauf in einem internationalen Normungskomitee zuständig sind und besitzen daher große Gestaltungsmöglichkeiten. Unterschiede bestehen zwischen dem recht einheitlichen europäischen und dem sehr zerklüfteten US-amerikanischen Normungssystem. Aber solange es keine tiefgreifenden Handelsabkommen gibt, die eine gegenseitige Anerkennung der jeweiligen Normen und Standards erzwingen, können wir aus Sicht der Prävention damit umgehen. Der Einfluss Chinas und, wenn auch in geringerem Maße, Indiens oder anderer wirtschaftlich aufstrebender Staaten wächst mit ihrer Wirtschaftskraft und ihren wirtschaftlichen Interessen. Vor allem China besetzt immer mehr Schlüsselpositionen wie Sekretariate und Vorsitze auf internationaler Ebene und entsendet eine beeindruckend große Zahl an Mitarbeitern in Gremien. Die Europäische Union muss darauf achten, dass internationale Normen nicht grundsätzlich und per se parallel abgestimmt und europäisch übernommen werden. Voraussetzung ist, dass sie auch unseren Ansprüchen an das Sicherheitsniveau genügen.

Arbeitsschutz und Normung – welche Trends sehen Sie?

Im Maschinensektor haben wir es immer mehr mit Hightech-Produkten zu tun. In anderen Bereichen tauchen Themen wie biologisch wirksame Beleuchtung, Dienstleistungsnormen, Arbeitsschutzmanagementsysteme, Human Resources Management, Risikomanagement, Digitalisierung, Industrie 4.0, künstliche Intelligenz oder Cybersecurity auf – mit erheblichen Herausforderungen für den Arbeitsschutz. Es wird zunehmend schwierig, hierzu einen Stand der Technik als Maßstab für ein hinreichendes Schutzniveau oder auch nur die genauen Adressaten der Norm zu definieren. Hinzu kommt, dass die Europäische Kommission die Finanzierung von beauftragten Normprojekten an extrem knappe Zeitvorgaben bindet. Auch findet die Erarbeitung von Standards schon lange nicht mehr nur bei den etablierten Normungsorganisationen, sondern in Konsortien statt. Diese sind aber nicht an die Grundprinzipien der Normung gebunden und bewegen sich häufig außerhalb unserer Einflussmöglichkeiten. Bei der Beteiligung und der Transparenz der Verfahren dürfen aber keine Abstriche gemacht werden, da nicht nur das Vertrauen in diese Dokumente und damit auch in die Normungsorganisationen verloren gehen, sondern Sicherheit und Gesundheit von Beschäftigten und Verbrauchern gefährdet werden könnten.

Gibt es auch ein „Zuviel“ an Normung?

Ein Zuviel an Normung gibt es immer dort, wo sie ohne angemessene rechtliche Grundlage in elementare Verantwortungsbereiche der Sozialpartner eingreift. Dazu gehören nicht nur sozialpolitische Gebiete wie die Tarifpolitik, Mutterschutz oder Arbeitszeit. Kritisch sehen wir in diesem Zusammenhang auch die Tendenz, über eine stetig wachsende Zahl internationaler Normen das Personalmanagement zu regeln, zum Beispiel die Messung der Arbeitsschutzperformance von Firmen über Kennzahlen. Im betrieblichen Arbeitsschutz setzen wir uns weiterhin dafür ein, dort, wo es ein detailliertes nationales Regelwerk des Staates oder der Unfallversicherungsträger gibt, Doppelungen oder gar Widersprüche durch Normen zu vermeiden.

Wie passt sich die KAN den Entwicklungen an?

In der Tat muss sich die Arbeitsweise der KAN verändern, und hat sich bereits verändert, frei nach dem Motto „Leave it, love it or change it.“ Beginnen wir mit dem Wandel: Damit der Arbeitsschutz von Anfang an und ganzheitlich mitgedacht wird, sind auch bei uns neue Konzepte zur Meinungsbildung notwendig: Praktiker, Hersteller, Anwender und weitere Kreise, auch über die des Arbeitsschutzes hinaus, wollen wir zukünftig noch stärker einbinden. Verabschieden müssen wir uns von einer rein nationalen Sichtweise. Da Normen praktisch nur noch auf europäischer und internationaler Ebene erarbeitet werden, müssen wir hier unser Engagement stärken. Das bedeutet auch den Bekanntheitsgrad der KAN und ihrer Aktivitäten weiter steigern. Darum brauchen wir neue Wege im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit. Im Vorstand und in der KAN wurden die Grundlagen für diese Weiterentwicklung gelegt. Wir können uns deswegen künftig noch besser dem widmen, was wir lieben und unser Auftrag ist: Uns noch stärker für Praxisnähe und Kongruenz der für den Arbeitsschutz relevanten Normen mit dem Regelwerk einsetzen. Unsere Arbeitsschutzpositionen wollen wir wirkungsvoll in europäischen und internationalen Gremien einbringen.

Dr. Dirk Watermann
Geschäftsführer der Kommission Arbeitsschutz und Normung (KAN)

Web: www.kan.de