Sie zählen zu den dramatischsten Verkehrsunfällen im innerstädtischen Raum: Abbiegeunfälle, bei denen die Fahrerinnen und Fahrer von Lkw oder Bussen Verkehrsteilnehmende zu Fuß oder Fahrrad übersehen. Oft lösen sie schwere Verletzungen aus oder enden gar tödlich. Bei vielen dieser Unfälle kommen Kinder ums Leben. DGUV Kompakt sprach mit Dr. Walter Eichendorf, Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) und stv. Hauptgeschäftsführer der DGUV.

Das Bild zeigt eine Person beim Fahrradfahren. Daneben fährt ein LKW.

Laut dem Statistischen Bundesamt handelte es sich bei etwa jedem dritten Verkehrsunfall mit Personenschaden, an dem ein Fahrrad und ein Güterkraftfahrzeug beteiligt waren, um einen Abbiegeunfall. 2017 wurden dabei 37 Fahrradfahrerinnen und -fahrer getötet.

Herr Dr. Eichendorf, das Thema Verkehrssicherheit ist sehr komplex. Beginnen wir mit der Technik: Inzwischen gibt es verschiedene Systeme, die dabei helfen sollen, Abbiegeunfälle zu vermeiden. Wie funktionieren sie und welche sind serienreif?

Die Industrie hat Abbiegeassistenzsysteme entwickelt und geprüft. Sie nutzen Radar, Ultraschall, Kameras oder Kombinationen dieser Systeme. Dazu ist umfangreiche Software zur sicheren Bilderkennung notwendig, die vor allem auch Fehlwarnungen vermeidet. Für die Erstausrüstung bietet bisher nur ein deutscher Lkw-Hersteller ein sehr gutes System an. Schon jetzt bestellen mehr als 30 Prozent seiner Kunden diesen radarbasierten Abbiegeassistenten.

Die inzwischen auch angebotenen Nachrüstsysteme sind leider nur für Fahrzeuge mit festem Aufbau geeignet. Das bedeutet: Lkw mit Wechselauflieger oder Anhänger, Planen-Lkw etc. müssen jeweils einzeln ausgestattet und kalibriert werden. Für manche Fuhrparks ist das kein Hindernis, für andere mit stark wechselnden Anforderungen schon. Deshalb fordert der DVR von allen Lkw-Herstellern die zügige Entwicklung für den serienmäßigen Einsatz und die Nachrüstung von Abbiegeassistenzsystemen. Diese können in einer ersten Entwicklungsstufe zunächst nur mit informierenden und warnenden Funktionen ausgestattet sein. Später sollen die Systeme auch eine Notbremsung einleiten können. Daran müssen Hersteller und Zulieferer mit Hochdruck arbeiten.


Unternehmen sind auch in der Pflicht. Was wird hier getan, um das Unfallrisiko durch rechtsabbiegende Lkw und Nutzfahrzeuge zu verringern?

Etliche Betriebe rüsten derzeit ihren Fuhrpark freiwillig nach. Daneben können Unternehmen aber auch intern wirken – mit Schulungen, Aufklärung und vorbildlicher Präventionskultur bis in die Chefetagen. Die gesetzliche Unfallversicherung ist hier sehr aktiv. Konkrete Unterstützung gibt es von den Berufsgenossenschaften und Unfallkassen. Die BG Verkehr bietet z. B. für Lkw-Fahrerinnen und -Fahrer Trainings mit Planen an, damit die Spiegel optimal eingestellt werden. Um Speditionen und andere Lkw-Fuhrparks auch finanziell zu motivieren, ist ein Förderprogramm des Bundes ab Anfang 2019 angekündigt, das finanzielle Anreize schafft, die Flotten freiwillig mit Abbiegeassistenten nachzurüsten.


Inwiefern ist der sogenannte Tote Winkel ein wichtiges Thema für den DVR und wie positionieren Sie sich?

Der DVR hat sich zur Vision Zero verpflichtet. Er engagiert sich für sichere Arbeits- und Lebenswelten und dafür, schwere und tödliche Unfälle zu vermeiden. Seit 2014 fordert der DVR, dass die Industrie die Entwicklung von Abbiegeassistenten mit höchster Priorität vorantreibt, denn Abbiegeassistenten retten Leben! Natürlich unterstützen wir auch nachdrücklich die Entschließung des Bundesrats vom 8. Juni 2018. Sie fordert die verbindliche Einführung von Abbiegeassistenzsystemen bei Nutzfahrzeugen in Deutschland und auf EU-Ebene.


Am 10. Juli 2018 hat Bundesverkehrsminister Scheuer die „Aktion Abbiegeassistent“ gestartet. Haben nun alle Beteiligten ihre Hausaufgaben gemacht und kommt jetzt der bundesweite Durchbruch?

Das ist eine sehr gute Initiative und viele Firmen, zum Beispiel große Handelsunternehmen, haben eine flächendeckende Aus- und Nachrüstung verbindlich zugesagt. Dennoch: der Lkw-Verkehr rollt von Warschau nach Lissabon und von Kiel nach Brindisi. Es bedarf verbindlicher Regelungen auf EU-Ebene. Am 17. Mai 2018 hat Brüssel das Dritte Mobilitätspaket veröffentlicht. Es sieht u. a. den verpflichtenden Einbau von Abbiegeassistenzsystemen mit Warnfunktion für Fahrzeuge ab 3,5 Tonnen vor, allerdings nur für neue Modelle ab 2022 und alle Neufahrzeuge erst ab 2024. Der DVR unterstützt Bundesminister Scheuer bei seinen Aktivitäten, dies auf EU-Ebene deutlich vorzuziehen.


Mit anderen Worten: Es wird noch jahrelang viele schwere und tödliche Unfälle geben, bis Abbiegeassistenzsysteme den Verkehr EU-weit sicherer machen. Warum verhält sich Brüssel so zögerlich?

Die Vorstellungen über notwendige technische Standards von Lkw sind in den verschiedenen EU-Ländern unterschiedlich, die finanziellen Mittel der Firmen, Speditionen oder Lieferdienste ebenfalls. An EU-weit geltenden Regelungen sind Akteure aller EU-Mitgliedstaaten beteiligt. Man kann sich gut vorstellen, wie herausfordernd eine schnelle Einigung ist.
Bis dahin sollten Speditionen und andere Firmen in möglichst vielen EU-Staaten einen finanziellen Anreiz durch eine Förderung der Erstausrüstung oder der Nachrüstung von Abbiegeassistenzsystemen erhalten. Derartige Anreizsysteme sind in der Prävention sehr wirksam.

 

Das Bild zeigt Dr. Walter Eichendorf, Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) und stv. Hauptgeschäftsführer der DGUV.

Dr. Walter Eichendorf

Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) und stv. Hauptgeschäftsführer der DGUV.