Die Digitalisierung stellt Unternehmen wie Verwaltungen vor große Herausforderungen. Auch die gesetzliche Unfallversicherung muss sich des Themas auf verschiedenen Ebenen annehmen – intern wie extern. Über Digitalisierung und andere Themen sprach DGUV Kompakt mit Dr. Stefan Hussy, neuer Hauptgeschäftsführer der DGUV, und Dr. Edlyn Höller, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin.

Das Bild zeigt Dr. Stefan Hussy und Dr. Eldyn Höller beim Interview mit DGUV Kompakt.

Digitalisierung, Prävention 4.0, Behindertensport: Dr. Stefan Hussy und Dr. Edlyn Höller erläutern, welche Aufgaben auf die DGUV zukommen.

Herr Dr. Hussy, Sie haben zum 1. Juli 2019 die Position des Hauptgeschäftsführers der DGUV übernommen. 
Sie, Frau Dr. Höller, sind seit 1. November 2018 stellvertretende Hauptgeschäftsführerin. Welche Erwartungen verknüpfen Sie mit Ihrer neuen Aufgabe?

Hussy: Für mich stellt sich die Frage etwas anders: Welche Erwartungen haben die Unternehmen und Versicherten an die gesetzliche Unfallversicherung und wie sehen die Unfallversicherungsträger die DGUV als ihren Spitzenverband? Ich habe einige Jahre in der Industrie gearbeitet und anschließend bei mehreren Unfallversicherungsträgern. Das waren immer Perspektivenwechsel und ich möchte die hierbei gemachten Erfahrungen bei der stärker strategisch und politisch ausgerichteten Arbeit der DGUV einbringen. Die strategische Ausrichtung der Unfallversicherung in einem sich immer schneller ändernden Umfeld ist mir sehr wichtig. Hierzu werde ich mit den Selbstverwaltungen, den Unfallversicherungsträgern und natürlich auch mit den Beschäftigten der DGUV viele Gespräche führen. Denn sie haben die Kompetenz und die Ideen, die wir bei der Fortentwicklung einer zukunftssicheren Unfallversicherung benötigen. Meine Erwartung ist, dass wir dies gemeinsam angehen und umsetzen.

Höller: Da ich schon seit 2004 bei der DGUV tätig bin, habe ich den Vorteil, dass ich das Verbandsleben und viele unserer Partner schon seit Längerem kenne. Viele aktuelle Themen habe ich von Anfang an begleitet oder Projekte selbst initiiert. Mit der neuen Rolle ist nun ein noch breiteres Themenspektrum und eine gesteigerte Verantwortung verbunden. Jetzt gilt es erstmal, die Erwartungen und Wünsche, die von verschiedener Seite mit dem Führungswechsel verbunden sind, mit den Vorstellungen und Ideen, die Dr. Hussy und ich mitbringen, zusammenzuführen und dann gemeinsam mit unseren Mitgliedern ein Zukunftsprogramm zu entwickeln.

Kommen wir zu dem Zukunftsthema schlechthin, Digitalisierung. Welche Aufgaben müssen der Verband und die Unfallversicherung insgesamt in den nächsten Jahren angehen?

Hussy: Da gibt es verschiedene Perspektiven. Die eine ist: Die DGUV und die Unfallversicherungsträger haben Kunden. Die erwarten einfach, dass wir mit ihnen in einer anderen Art und Weise kommunizieren. Das betrifft Medien und Informationen, aber auch alltägliche Prozesse – wenn Unternehmer zum Beispiel einen Unfall melden oder Versicherte die Taxiquittung einreichen wollen. Viele sind es gewohnt, dies über eine App an die Versicherung zu schicken, so etwas haben wir noch nicht. Wir müssen mehr aus der Sicht des Kunden denken. Die andere Perspektive sind unsere eigenen Prozesse. Wir müssen möglicherweise in großen Bereichen über die Dunkelverarbeitung, das heißt automatisierte Prozessabläufe, nachdenken. Die Unfallversicherungsträger werden davon stark betroffen sein. Arbeitsschritte, die jetzt noch von Menschen gemacht werden, werden in Zukunft weniger Menschen benötigen. Die zentrale Frage ist: Wie qualifizieren wir unsere eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter so, dass sie den Herausforderungen für die Zukunft gerecht werden können und dass sie sich dabei auch wohlfühlen?

Höller: Man sollte jetzt aber keine Ängste schüren. Auf der einen Seite werden Tätigkeiten wegfallen, aber auf der anderen Seite gibt es viele Bereiche, in denen die Qualitäten und Qualifikationen der Beschäftigten nach wie vor gefordert sind und die nicht digitalisiert werden können. Dazu gehören insbesondere die persönliche Ansprache und Beratung der Versicherten und die Beratung in den Unternehmen.

Wie sieht es aus mit der Prävention 4.0?

Hussy: Im Kern geht es darum: Wie reagieren wir auf eine sich ändernde Arbeitswelt, Stichwort „Mobilität der Arbeit“? Wir sind zwar über die Risikobeobachtungsstelle unseres Instituts für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) im Bereich Technik sehr gut aufgestellt, sprich kollaborierende Roboter, intelligente Brillen, Exoskelette. Aber wie erreiche ich Menschen, die heute hier sind und morgen da? Wie kann ich sie informieren und falls erforderlich auch etwas durchsetzen, damit sie vernünftige Arbeitsbedingungen haben?

Höller: Ein gutes Beispiel für neue Arbeitsformen ist die Plattform-Ökonomie. Nehmen wir den Fahrradkurier, der per App seine Aufträge erhält und niemand kümmert sich darum, ob sein Fahrrad verkehrssicher ist oder nicht. Oder das Phänomen, dass Gruppen von Solo-Selbständigen gemeinsam Baugerüste aufstellen. Sind das Personen, die wir in den Versicherungsschutz einbeziehen sollten, oder überlassen wir sie sich selbst? Das ist eine große Diskussion, die aktuell auf der Ebene der Selbstverwaltung der DGUV geführt wird.

Die gesetzliche Unfallversicherung engagiert sich seit Jahren in vielfältiger Weise für den Behindertensport. Bleibt dieses Engagement?

Höller: Häufig liegt der Fokus sehr stark auf dem Thema Paralympischer Sport und Spitzensport. Wir tun das aber nicht, um Menschen mit Medaillen zu zeigen, sondern weil der Sport ein Vehikel ist, um das Thema Rehabilitation auch in die Breite zu tragen. Es gibt sehr viele Untersuchungen, die belegen, wie wichtig Sport in der Rehabilitation ist. Er trainiert nicht nur auf spielerische Weise Bewegungsabläufe, sondern fördert auch die Gemeinschaft. So hilft Sport auch bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Unser Engagement im Bereich Behindertensport dient vor allem dazu, die Aufmerksamkeit für dieses Thema zu erhöhen.

Die Förderung des Behindertensports ist Teil der Inklusionsstrategie der gesetzlichen Unfallversicherung. Ein weiterer Punkt ist die stärkere Verzahnung von Rehabilitation und Prävention. Was bedeutet das?

Höller: Wir müssen die Instrumente der Individualprävention – Beispiele dafür sind das Hautarztverfahren oder das Rücken-kolleg der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege – viel stärker ausbauen. In der engeren Verzahnung von Rehabilitation und Prävention sehe ich noch Potenzial. Stellt ein Reha-Manager bei der Wiedereingliederung eines Patienten fest, dass die Arbeitsverhältnisse im Betrieb auch für andere Beschäftigte belastend sind, dann ist das ein Ansatzpunkt, dem Präventionsdienst einen Tipp zu geben. Das funktioniert auch umgekehrt. Diese Verzahnung ist, glaube ich, eine große Chance für beide Bereiche.

Hussy: Den Aufsichtspersonen kommt hier eine neue Rolle zu. Es geht darum, zu überlegen, wie kann ich mit den Kolleginnen und Kollegen im Bereich Rehabilitation zusammenarbeiten oder mit anderen Sozialversicherungsträgern? Wie kann ich Unternehmen dazu befähigen, dass Menschen mit Behinderung bessere Arbeitsbedingungen haben? Wie kann ich für das Unternehmen der Ansprechpartner sein, der zwar nicht immer gleich die Lösung hat, der aber weiß, es gibt da den Reha-Berater oder das Integrationsamt. Wir wollen uns diese „Lotsenposition“ ganz klar erarbeiten: Im Unternehmen der Ansprechpartner sein für alle Fragen zum Thema Sicherheit und Gesundheit. Und dazu gehören auch Inklusion und Integration.

Noch eine Frage zur Prävention. Im Rahmen der Vision Zero wurden fünf Unfallschwerpunkte ermittelt. Was für eine Strategie haben Sie dazu?

Hussy: Die Vision Zero ist im Positionspapier zur Prävention formuliert worden: Wir streben eine Welt ohne tödliche oder schwere Unfälle an. Die aktuelle Kampagne kommmitmensch zur Kultur der Prävention ist ein Instrument, mit dem wir das umsetzen. Die Kampagne greift diese Unfallschwerpunkte auf und unterfüttert sie mit ihren sechs Handlungsfeldern. Durch die Fokussierung auf die Unfallschwerpunkte hat die Aufsichtsperson im Betrieb ganz konkret die Möglichkeit, Themen anzusprechen und die-se auch im betrieblichen Kontext zu vermitteln. Das ist der Unterschied zum bisherigen Ansatz, wo wir doch eher abstrakt versucht haben, diese Themen zu kommunizieren.