Mit Güterkraftfahrzeugen wird ein großer Teil vom Warentransport innerhalb der europäischen Staaten abgewickelt. Immer wieder sind sie in schwere Unfälle verwickelt. Das geht auch aus dem jüngst veröffentlichten Report des European Transport Safety Council (ETSC) „How to improve the safety of goods vehicles in the EU?“ hervor. DGUV Kompakt sprach mit Dr. Klaus Ruff, stellvertretender Präventionsleiter der Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation, über Unfallursachen und Maßnahmen für mehr Sicherheit im Straßenverkehr.

Das Bild zeigt eine zweispurige Autobahn, auf der sich ein Stau gebildet hat.
Die Straßen Europas sind für viele Lkw-Fahrende wie ein zweites Zuhause. Immer wieder sind sie in schwere Unfälle verwickelt.

Herr Dr. Ruff, laut jüngst veröffentlichtem Report des European Transport Safety Council verloren 2018 knapp 6.000 Menschen in der EU ihr Leben aufgrund einer Kollision mit einem Lkw. Wie sieht die Situation in Deutschland aus und welche Umstände sind hierzulande für die meisten solcher Unfälle verantwortlich?

Zu den Unfallursachen hat das Statistische Bundesamt 2018 Zahlen für Deutschland veröffentlicht, die sich ungefähr mit unseren Daten decken. Demnach sind 20,5 Prozent der Unfälle mit Güterkraftfahrzeugen auf zu geringen Abstand zurückzuführen. An zweiter Stelle folgen Fehler beim Abbiegen, Wenden, Rückwärtsfahren und Ein- und Anfahren mit 16,4 Prozent, danach Vorfahrt- und Vorrangfehler mit 11,2 Prozent und nicht angepasste Geschwindigkeit mit 9,8 Prozent. Bei den Ursachen zu geringer Abstand und nicht angepasster Geschwindigkeit spielt Ablenkung sicher eine nicht unerhebliche Rolle. 2018 gab es in Deutschland mehr als 28.000 Unfälle mit Personenschaden, an denen mindestens ein Güterkraftfahrzeug beteiligt war. Das sind zwar 1,8 Prozent weniger als im Jahr 2017, aber immer noch zu viele.

Ablenkung im Straßenverkehr gilt als eine der häufigsten Ursachen für Kollisionen. Was sind die Gründe hierfür und wie lassen sich solche Unfälle künftig vermeiden?

Die Ursachen liegen teils im höheren Verkehrsaufkommen: Die Fahrleistung der Lkw und die Zahl der zugelassenen Pkw steigt, die Verkaufszahlen von Fahrrädern nehmen von Jahr zu Jahr zu und neue Verkehrsmittel wie Elektrokleinstfahrzeuge beanspruchen ihren Verkehrsraum. Aber trotz der steigenden Verkehrsdichte, gerade in Städten, meinen manche Verkehrsteilnehmende, noch ein Telefonat führen oder eine SMS schreiben zu müssen. Dann ist die Aufmerksamkeit sekundenlang nicht beim Verkehr. In kritischen Verkehrssituationen können diese Sekunden allerdings entscheidend sein. Bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h bedeuten drei Sekunden Ablenkung eine Strecke von 42 Metern, die unaufmerksam zurückgelegt wird. Weiterhin gilt, wir müssen über Gefahren informieren, vielleicht emotionaler als bisher. Auf technischer Seite ist eine weitere Reduzierung der Verkehrsunfälle durch Fahrerassistenzsysteme, besonders durch Notbrems-, Spur-, Abbiege- und Kreuzungsassistenz zu erwarten.

Laut ETSC-Report blieb die Zahl der Unfälle aufgrund von zu geringem Abstand konstant hoch. Welche Möglichkeiten bietet hier moderne Technik?

Der Abstandsregeltempomat hilft ganz komfortabel, den richtigen Abstand einzuhalten. Falls das vorausfahrende Fahrzeug unvermittelt bremst, unterstützt der Notbremsassistent. Aber Technik kann nicht alles richten! Wenn der Gesetzgeber will, dass die Fahrzeugführenden die notwendigen Sicherheitsabstände nach der Straßenverkehrsordnung einhalten, muss er deren Einhaltung auch überwachen.

Während des bundesweiten Shutdown wurde der Güterkraftverkehr weitgehend aufrechterhalten. Gleichwohl ist die Pandemie nicht spurlos an der Branche vorbeigegangen. Wo liegen jetzt die Herausforderungen?

Für spezielle Branchen, wie zum Beispiel die Event- oder Messelogistik, geht es zurzeit ums Überleben. Die meisten Güterkraftverkehrsunternehmen haben aber die neuen Hygieneschutzbestimmungen schnell übernommen und sind dabei, die durch Corona bedingten Auftragsverluste wieder aufzuholen. Nachdem die Straßen wieder voller werden, sind aber auch die alten Probleme wieder da: volle Parkplätze, Staus und besetzte Rampen. In den letzten Monaten hat die Branche gezeigt, wie flexibel sie reagieren kann. Es wäre schön, wenn diese Flexibilität zusammen mit einer weiteren Digitalisierung der Prozesse dazu beitragen könnte, die anstehenden Probleme zu lösen.

Das EU-Parlament hat kürzlich Reformen für bessere Arbeitsbedingungen und damit auch mehr Sicherheit im Gütertransport beschlossen. Wie kann die gesetzliche Unfallversicherung die Neuerungen begleiten?

Die Reformen sind gut. Sie bringen fairere Wettbewerbsbedingungen und vor allem klarere und einheitlichere EU-Vorschriften für die Entsendung von Fahrpersonal und sozialere Vorschriften für die Ruhezeiten. Damit können die Fahrerinnen und Fahrer unter besseren Bedingungen zufriedener arbeiten. Diese Zufriedenheit dürfte sich auch positiv auf die Leistung des Fahrpersonals und damit auf eine Verringerung der Unfälle auswirken. Für die Einhaltung der Vorschriften im Straßenverkehr sind Polizei und das Bundesamt für Güterverkehr verantwortlich. Unsere fachkundigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kontrollieren zwar auch, wichtiger ist uns aber Aufklärung und Motivation. Das entspricht auch den Wünschen unserer versicherten Unternehmen. Wir beteiligen uns an Sicherheitstagen in den Unternehmen, sind mit unseren Themen auf Raststätten und Veranstaltungen aktiv und geben Medien heraus – auch in der Muttersprache der Fahrerinnen und Fahrer. Diesen Weg werden wir weiterverfolgen.

Das Bild zeigt Dr. Klaus Ruff, stellvertretender Präventionsleiter der Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation.

Dr. Klaus Ruff,
Stellvertretender Präventionsleiter der Berufsgenossenschaft Verkehrswirtschaft Post-Logistik Telekommunikation