Im Gespräch mit dem stellvertretenden DGUV-Hauptgeschäftsführer und DVR-Präsidenten Dr. Walter Eichendorf

Am 16. Mai wurden die neuen Plakate der gemeinsamen Verkehrssicherheitskampagne „Runter vom Gas“ des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) und des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) vorgestellt. Sie werden ab Mitte Mai auf über 700 Plakatflächen entlang deutscher Autobahnen zu sehen sein. Die Aktion wird auch von der DGUV unterstützt. Inhaltlich steht bei den neuen Motiven das menschliche Leid durch Verkehrsunfälle mit Todesfolge im Mittelpunkt: Allein im Jahr 2016 verloren 3214 Menschen ihr Leben im Straßenverkehr. DGUV Kompakt sprach mit dem stellvertretenden DGUV-Hauptgeschäftsführer und DVR-Präsidenten Dr. Walter Eichendorf.


Mit einer emotionalen Ansprache sensibilisiert „Runter vom Gas“ seit 2008 für Risiken im Straßenverkehr und will damit für mehr Sicherheit auf deutschen Straßen sorgen.

Herr Dr. Eichendorf, die DGUV unterstützt die neue Plakataktion von BMVI und DVR. Warum?

Zuallererst: Die gesetzliche Unfallversicherung fühlt sich dem Präventionsgedanken zutiefst verpflichtet, denn die Verhütung von Berufskrankheiten und Arbeitsunfällen ist unser oberstes Ziel. Dazu gehören neben den Arbeitsunfällen im Straßenverkehr auch die Dienstwegeunfälle und die Wegeunfälle auf dem Weg von und zur Arbeit. Deshalb ist das Thema Verkehrssicherheit für uns von sehr hoher Priorität. Im Jahr 2016 gab es rund 180.000 Wegeunfälle – eine Zahl, die aus unserer Sicht viel zu hoch ist. Bei allen Berufsgenossenschaften und Unfallkassen ist der Straßenverkehr DIE Unfallursache Nummer eins. Deshalb spielt die Prävention durch Aufklärung und Sensibilisierung eine entscheidende Rolle. Und genau da setzt die Plakatkampagne von „Runter vom Gas“ an.

Das Thema tödliche Unfälle steht national und international schon länger auf der Tagesordnung, Stichwort „Vision Zero“. Was kann konkret getan werden, um das Ziel einer Welt ohne schwere und tödliche Unfälle zu erreichen?

Die Vision Zero ist ein ambitioniertes Ziel – aber können wir etwas anderes anstreben? Nein, aus meiner Sicht gibt es hierzu keine Alternative, denn jeder schwere oder tödliche Unfall ist einer zu viel. Es gibt bereits diverse Initiativen und Maßnahmen. Das Konzept der Vision Zero wurde bereits Ende der 1990er Jahre in Schweden entwickelt und 2007 vom DVR und kurz danach von der DGUV übernommen. Es beinhaltet neben baulichen Maßnahmen (Infrastruktur) wie beispielsweise einer Trennung von Fahrstreifen oder dem Bau von Kreisverkehren anstelle von Kreuzungen die aktive und passive Sicherheit von Fahrzeugen und last but not least Verhaltensregelungen wie Geschwindigkeitsbegrenzungen oder Alkoholverbote. Die Kampagne „Runter vom Gas“ wurde im Jahr 2008 initiiert, als noch rund 5.000 Menschen pro Jahr im Straßenverkehr starben. 2011 wurde im nationalen Verkehrssicherheitsprogramm das Ziel von 40 Prozent weniger Todesopfern im Straßenverkehr bis 2020 definiert. Die EU-Kommission hat übrigens das Ziel ausgegeben, dass bis 2050 „nahezu niemand“ mehr auf europäischen Straßen zu Tode kommen soll. Eines ist klar: Alle tragen die Verantwortung für ein Verkehrssystem, in dem niemand mehr zu Tode kommt oder schwere Verletzungen davonträgt. Den Weg hierfür gibt die Vision Zero vor.

DVR-Hauptgeschäftsführer Christian Kellner fordert ein absolutes Alkoholverbot, um schwere Unfälle auf unseren Straßen zu verhüten. Wie stehen Sie dazu?

Christian Kellner hat es im Rahmen seiner Forderung nach einem generellen Alkoholverbot auf den Punkt gebracht: „Wer fährt, trinkt nicht und wer trinkt, fährt nicht“. Dem ist grundsätzlich nichts hinzuzufügen und diese Forderung hat der Vorstand des DVR auch so beschlossen. Denn es ist nun mal so, dass Alkohol nach wie vor eine der Hauptursachen für Verkehrsunfälle ist. Es kann nicht sein, dass zahlreiche Verkehrsteilnehmer gefährdet werden, nur weil eine kleine Personengruppe nicht auf Alkohol am Steuer verzichten will. Klar ist: Alkoholkonsum wirkt sich negativ auf die Fahrtüchtigkeit aus. Die Gefahrenschwelle beginnt bereits bei 0,2 bis 0,3 Promille Blutalkoholkonzentration. Der Gesetzgeber hat den Gefahrengrenzwert für die relative Fahruntüchtigkeit auf 0,5 Promille festgelegt. Aber bereits bei diesem Wert ist das Risiko, in einen Unfall verwickelt zu werden, doppelt so hoch wie in nüchternem Zustand.

Herr Dr. Eichendorf, was tut die gesetzliche Unfallversicherung konkret im Bereich der Verkehrssicherheit?

Unser Engagement ist vielfältig und erstreckt sich auf unterschiedliche Gebiete. Unser wichtigster Partner ist der DVR, der als bundesweite Dachorganisation der Verkehrssicherheit tätig ist. Er hat mit uns gemeinsam Instrumente für eine Gefährdungsbeurteilung zum Thema Mobilität entwickelt und er verfügt über einen umfassenden Werkzeugkoffer mit evaluierten Maßnahmen zur Prävention von straßenverkehrsbedingten Unfällen. Darüber hinaus haben wir konkrete Vorschriften und Regeln zum Schutz der Beschäftigten am Arbeitsplatz „Straße“, beispielsweise zum besonders gefährlichen Rückwärtsfahren von Müllfahrzeugen. Daneben setzen die Unfallversicherungsträger in ihrer Verkehrssicherheitsarbeit zusammen mit dem DVR verstärkt auf Sensibilisierung und Schulung, zum Beispiel durch Schwerpunktaktionen und fahrpraktische Angebote. Im Institut für Arbeit und Gesundheit (IAG) in Dresden verfügen wir über einen hochmodernen Fahrsimulator. Schulen und Kitas werden mit Material für die Unterrichtspraxis sowie einer Qualifizierung im Rahmen der Lehrkräfteaus- und -weiterbildung unterstützt. Zudem betreiben wir selbst Forschung, um Verbesserungen bei der Verkehrssicherheit anstoßen zu können. Das gilt zum Beispiel für Fahrerassistenzsysteme und ihr enormes Potenzial für mehr Sicherheit im Straßenverkehr. Doch das Genannte umfasst nur einen kleinen Teil unserer vielfältigen Aktivitäten, mit denen wir versuchen, die Straßen und unsere Umgebung sicherer zu machen. Denn bei einem Unfalltod zerbricht mehr als ein Leben.

Dr. Walter Eichendorf
stellvertretender Hauptgeschäftsführer der DGUV und Präsident des DVR