Den Opfern von Anschlägen schnelle und unbürokratische Hilfe zukommen zu lassen, ist eines der erklärten Ziele des Bundestages für die aktuelle Legislaturperiode. Unter anderem sollen zentrale Anlaufstellen geschaffen werden, die den Betroffenen aufsuchende und proaktive Unterstützung anbieten. Vor diesem Hintergrund haben Berufsgenossenschaften und Unfallkassen damit begonnen, ihre eigenen Strukturen für Großschadensereignisse zu überprüfen. DGUV Kompakt sprach mit dem Leiter der Projektgruppe, dem Geschäftsführer der Feuerwehr-Unfallkasse Niedersachsen Thomas Wittschurky, über den aktuellen Stand.

Das Bild zeigt den Einsatz von Rettungskräften nach dem Terroranschlag auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz am Abend des 19. Dezember 2016.
Handeln in der Krise erfordert Koordination, wie der Einsatz der Rettungskräfte nach dem Terroranschlag auf dem Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche gezeigt hat. Professionelle Kommunikation und funktionierende Netzwerke sind entscheidend, damit die Hilfsangebote der gesetzlichen Unfallversicherung bei einem Großschadensereignis wirken können.

Herr Wittschurky, warum sind Ereignisse wie Anschläge für die gesetzliche Unfallversicherung eigentlich ein Thema?

Ereignisse wie der Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche oder kürzlich die Amokfahrt in Münster berühren fast immer auch unsere Zuständigkeit. Sei es, dass Betroffene sich auf dem Weg zur Arbeit befinden oder einer versicherten Tätigkeit nachgehen und dabei verletzt werden. Diese Versicherten haben dann Anspruch auf dieselben Leistungen wie bei anderen Arbeitsunfällen auch. Die zuständige Unfallkasse oder Berufsgenossenschaft übernimmt die Kosten der Heilbehandlung, organisiert die berufliche und soziale Wiedereingliederung und zahlt gegebenenfalls eine Verletztenrente.

Bei einem Anschlag kann es potenziell sehr viele Opfer geben. Wie sind Unfallkassen und Berufsgenossenschaften auf solche Ereignisse vorbereitet?

Grundsätzlich sind Unfälle mit vielen Verletzten für uns keine neue Situation. Seit ihrer Gründung hatte die gesetzliche Unfallversicherung schon immer mit Großschadensereignissen zu tun. Denken Sie nur an Grubenunglücke. Unsere Unfallkliniken, die Netzwerke mit medizinischen und psychologischen Dienstleistern, unser Reha-Management – das alles gibt es bereits. Allerdings haben gerade die Erfahrungen der vergangenen Jahre – der Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz, der Amoklauf im Münchner Olympia-Einkaufszentrum, aber auch Unfälle, die mit vorsätzlicher Gewalt nichts zu tun haben, wie das Zugunglück von Bad Aibling – gezeigt, dass wir mit unseren Strukturen an Grenzen stoßen.

Was meinen Sie damit?

Vieles, was wir für die Versorgung unserer Versicherten brauchen, ist da. Aber unsere Strukturen knüpfen bislang im Wesentlichen an die Betriebsstätte an. Für die große Mehrzahl der Arbeitsunfälle ist das auch richtig. Der Betrieb liegt im Regelfall in der Zuständigkeit einer Berufsgenossenschaft oder Unfallkasse, die den Kontakt zum Arbeitgeber hat und damit auch zu den Versicherten. Schwieriger wird es bei Schadenslagen im öffentlichen Raum.

Sie meinen zum Beispiel einen Flughafen oder einen Bahnhof?

Genau. Stellen Sie sich vor, in einer Ladenpassage in einem Flughafen zündet ein Attentäter eine Bombe. Zu den Opfern zählen Beschäftigte des Flughafens, der Läden und gastronomischen Betriebe, Angehörige einer Flugzeugcrew und Schülerinnen und Schüler auf Klassenfahrt. Ein einzelnes Ereignis und es sind Versicherte von mindestens drei Berufsgenossenschaften und zwei Unfallkassen betroffen. Es ist klar, dass es keine Lösung ist, wenn sich nun das Lagezentrum des jeweiligen Bundeslandes mit dem Kataster der gesetzlichen Unfallversicherung beschäftigt, um den zuständigen Träger zu ermitteln. Wir müssen unsere Kompetenzen bündeln.

Wie könnte das aussehen?

Dafür brauchen wir auf unserer Seite eine zentrale Kontaktstelle, die den Behörden bekannt ist, im Schadensfall den Zugang zu Hilfsangeboten vermittelt und die Versorgung der Versicherten sicherstellt. Auch die Öffentlichkeitsarbeit über die Medien muss zentral erfolgen. Wir müssen bundesweit eine Rufnummer kommunizieren, unter der die gesetzliche Unfallversicherung in solchen Fällen erreichbar ist. Das ist für die Betroffenen wichtig, aber auch für die Angehörigen oder die Personen, die anderen in Notlagen helfen.

Sind diese Menschen denn versichert?

Ja, wer als Privatperson einem anderen Menschen in einer akuten Notlage hilft, ist dabei kraft Gesetzes versichert. Es gibt ja die gesetzliche Pflicht zur Hilfeleistung – wenn jemand hilft, soll er sich dann auch auf die Solidarität der Gesellschaft verlassen können. Aber genau dieser Versicherungsschutz ist vielen nicht bekannt. In der jüngeren Vergangenheit hatten wir häufiger solche Situationen. Die Ersthelferinnen und Ersthelfer wussten nicht, dass sie versichert sind und wir wussten nicht, dass es diese Betroffenen gibt. Das muss in Zukunft anders laufen.

Wie soll es nun weitergehen? Bis wann rechnen Sie mit Ergebnissen?

Zunächst erfolgt eine Bestandsaufnahme in der Projektgruppe. Wir müssen schauen, wo genau die Schnittstellen zwischen den Unfallversicherungsträgern untereinander und mit den anderen Akteuren liegen. Im nächsten Schritt geht es darum, eine gemeinsame Vorgehensweise und Strukturen für die Kommunikation festzuschreiben. Regionale Netzwerke werden hierfür eine wichtige Rolle spielen. Auch der Schulterschluss mit dem Opferbeauftragten der Bundesregierung muss gesucht werden. Ich gehe davon aus, dass wir nächstes Jahr um diese Zeit bereits deutlich weiter sind.

 Das Bild zeigt Thomas Wittschurky, Geschäftsführer der Feuerwehr-Unfallkasse Niedersachsen.

Thomas Wittschurky
Geschäftsführer der Feuerwehr-Unfallkasse Niedersachsen