Im März 2018 werden in der südkoreanischen Stadt Pyeongchang die 12. Paralympischen Winterspiele ausgetragen. Dann gehen rund 670 Athletinnen und Athleten aus etwa 45 Nationen an den Start. DGUV Kompakt sprach mit Friedhelm Julius Beucher, dem Präsidenten des Deutschen Behindertensportverbands (DBS), über die bevorstehenden Winterspiele, das Image des Behindertensports und das Verhältnis zu den Medien und zur Politik.


Friedhelm Julius Beucher steht seit 2009 an der Spitze des Deutschen Behindertensportverbands, dem knapp 600.000 Mitglieder und 6.200 Vereine angehören. Die Highlights im nächsten Jahr sind neben den Paralympischen Winterspielen die Para-Leichtathletik-EM in Berlin und die Rollstuhlbasketball-WM in Hamburg.

Vom 9. bis 18. März 2018 finden die 12. Winter-Paralympics statt. Welche Erwartungen knüpfen Sie an diese Winterspiele und an das deutsche Team?

Eindeutig hoffnungsfrohe Erwartungen. Die deutschen Athletinnen und Athleten haben im vergangenen Winter sehr gute Ergebnisse erzielt. Wir gehen mit einem starken Team an den Start. Sorgenfalten bereitet mir allerdings die politische Lage. Die Olympischen und Paralympischen Spiele sind friedliche Begegnungen der Völker der Welt. Vor dem Hintergrund hoffe ich, dass die internationalen Verbände und Fachgremien es den nordkoreanischen Sportlerinnen und Sportlern ermöglichen an den Winterspielen 2018 teilzunehmen. Sport ist ein gesellschaftliches Ereignis und somit leider auch ein Spielball der Politik. Das haben wir schon oft erlebt. Aber ich bin ein Optimist.

Was hat sich aus Ihrer Sicht in den letzten Jahren im Bereich Behindertensport verändert?

Wir als Bundesverband, aber auch die 17 Landesverbände und nicht zuletzt die über 6000 Behindertensportvereine haben sich rasant entwickelt. Vor einigen Jahren waren die Paralympischen Spiele bei vielen Menschen nicht präsent, heute sind einzelne Athletinnen und Athleten genauso bekannt wie Sportler ohne Behinderung. Die zunehmende und auch vielfältige mediale Berichterstattung hat die öffentliche Wahrnehmung der Paralympischen Spiele, des Behindertensports insgesamt, gesteigert. Und damit auch die Wahrnehmung der Menschen mit Behinderungen im Alltag. Aber es ist immer noch Luft nach oben, der Behindertensport ist noch lange nicht da, wo er hingehört.

Wie profitiert der Breitensport vom Spitzensport?

Natürlich wird über das Sitzballturnier in Gummersbach weniger berichtet als über den 8,40 m Weitsprung von Markus Rehm. Aber die beeindruckenden Leistungen der Spitzenathleten üben eine Strahlkraft auf den Breitensport aus. Deshalb sind Breiten- und Spitzensport untrennbar miteinander verbunden. Viele Menschen mit Behinderung werden erst durch die zunehmende Berichterstattung auf den Behindertensport aufmerksam. Sport kann einen ganz wesentlichen Beitrag dazu leisten, dass Menschen nach einem schweren Unfall oder einer Krankheit ihren Lebensmut wiederfinden. Und damit auch wieder Mut für den Alltag und den Beruf. Nicht umsonst wird Reha-Sport auch ärztlich verordnet. Aber der Breitensport geht darüber hinaus. Denn neben der Fitness und dem präventiven Charakter schafft der Sport in Vereinen auch Gemeinschaft und positive Erlebnisse auf lange Sicht. Der Breitensport findet durch die Berichterstattung über den Leistungssport eine größere Aufmerksamkeit. Davon profitieren alle.

Die gesetzliche Unfallversicherung engagiert sich seit vielen Jahren im Bereich Behindertensport, zum Beispiel auch mit Medienprojekten wie der Paralympics Zeitung oder dem German Paralympic Media Award, den Sie als Jurymitglied unterstützen. Wie wichtig sind solche Projekte?

Sowohl die Paralympics Zeitung als auch der German Paralympic Media Award sind beispielhafte Projekte, die dazu beitragen, den Behindertensport noch bekannter zu machen. Und das vor dem Hintergrund, was zum Beispiel tagtäglich in den berufsgenossenschaftlichen Kliniken geleistet wird. Neben der medizinischen Versorgung geht es nach einer Amputation oder einer Querschnittslähmung um die Rehabilitation im weitesten Sinne. Und hier kann Sport ganz viel leisten. In diesem Zusammenhang möchte ich auch noch erwähnen, dass in den Kliniken oft sogenannte Peers unterstützen. Menschen, die selbst Einschränkungen haben, helfen Patientinnen und Patienten auf dem Weg in ihr neues Leben. Auch Sportlerinnen und Sportler unterstützen als Peers. Und da schließt sich wieder ein Kreis. Für die Wahrnehmung, was Behindertensport leistet, sind solche Projekte unverzichtbar.

Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Wird es irgendwann gemeinsame Olympische Spiele für Menschen mit und ohne Behinderung geben?

Das hoffe und glaube ich nicht. Einerseits ist es ein logistisches Problem, andererseits sollte die Besonderheit des paralympischen Sports bei einem eigenen großen Ereignis hervorgehoben werden. Um die Gleichbehandlung von Olympischen und Paralympischen Spielen muss weiter gekämpft werden. Das fängt mit den einfachsten Dingen an: Zum Beispiel können viele Menschen mit Behinderung aufgrund der fehlenden Barrierefreiheit im öffentlichen Raum oder aufgrund der mangelnden Ausstattung der Trainingsstätten ihren Sport gar nicht praktizieren. Bei den vorhandenen Strukturen liefen gemeinsame Spiele auf einen Kampf zwischen David und Goliath hinaus. Zudem ist die Ressource Aufmerksamkeit bei den Zuschauern und Lesern begrenzt. Wenn der 100-Meter-Endlauf der Herren bei den Olympischen Spielen stattfindet, dann wird der anschließende 400-Meter-Lauf der Prothesenträger nur so viel Aufmerksamkeit bekommen, wie er nicht verdient hat – nämlich zu wenig. Daher ist es gut und richtig, dass beide Spiele ihren eigenen Weg gehen.

 

Friedhelm Julius Beucher

Präsident des Deutschen Behindertensportverbands (DBS)