Studie zur Medienberichterstattung über Inklusion im Arbeitsleben

Können fast zehn Millionen Menschen nahezu unsichtbar sein? Wenn man sich die Medienpräsenz der in Deutschland lebenden Menschen mit Behinderungen anschaut, dann lautet die Antwort: Ja. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, für die im Auftrag der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) mehr als 1,2 Millionen Beiträge in deutschen Leitmedien aus den Jahren 2012 bis 2016 ausgewertet wurden.


Arbeit in der Backstube: Dieses Foto von Jonathan Rossbach wurde im BGW-Fotowettbewerb „Mensch – Arbeit – Handicap“ prämiert. Die insgesamt 16 ausgezeichneten Werke rücken das Thema Inklusion in den Fokus. Mehr unter www.bgw-online.de/fotowettbewerb.

Das besondere Augenmerk der Studie lag auf Berichten über berufliche Inklusion. Ernüchterndes Ergebnis: Das Thema läuft „unterhalb der Wahrnehmungsschwelle“. Dabei sind drei Millionen Menschen mit einem Behinderungsgrad von 50 Prozent oder mehr in Deutschland im erwerbsfähigen Alter - ungefähr so viele wie alle Beschäftigten im Einzelhandel. Über eine Million von ihnen ist in einem Unternehmen oder in einer Werkstatt beschäftigt. Wie sehen ihre Arbeitsbedingungen aus? Wie klappt es mit der Inklusion? Vor welche Herausforderungen stellt Inklusion die Arbeitgeber und die Beschäftigten? Diese Fragen, so zeigt die Studie, spielen in der medialen Berichterstattung kaum eine Rolle.
Wenn in den vergangenen Jahren über Menschen mit Behinderungen berichtet wurde, ging es meist um Behindertenpolitik, Sport oder Gesundheit. Auch die Inklusion an Schulen war noch häufiger Thema als die Teilhabe am Berufsleben. Stand die Beschäftigung im Fokus, wurde in den analysierten Beiträgen fast durchgängig ein positives Bild von beruflicher Teilhabe gezeichnet. Das bildet aber nicht die Realität ab, denn die Arbeitsmarktlage für Menschen mit Behinderungen ist deutlich schlechter als für Menschen ohne Behinderungen: Sie sind immer noch doppelt so häufig arbeitslos.
Die Analyse ergab auch, dass Journalistinnen und Journalisten immer noch auf klischeehafte Sprachbilder zurückgreifen. Sie sprechen zum Beispiel von „Helden“, die ihr Schicksal „trotz Behinderung“ meistern oder von „Opfern“, die unser Mitgefühl verdienen. Beide Darstellungen entsprechen weder dem Selbstbild von Menschen mit Behinderungen noch dem Gedanken der Inklusion.
Wie ließe sich die Darstellung von Menschen mit Behinderungen und ihrer beruflichen Teilhabe verbessern? Die Studie empfiehlt den Medien häufigere und professionellere Berichterstattung und den Unternehmen mehr Mut zur Transparenz. Nicht nur die guten Beispiele sind wichtig. Erst wenn auch Probleme und Anforderungen thematisiert werden, könne eine fruchtbare gesellschaftliche Diskussion entstehen. Dazu Prof. Dr. Stephan Brandenburg, Hauptgeschäftsführer der BGW: „Um echte Teilhabe zu erreichen, liegt noch ein gutes Stück Weg vor uns – ein differenziertes und kraftvolles Bild in den Medien würde helfen.“



STUDIE

Matthias Vollbracht: Besser als die Wirklichkeit? - Berufliche Inklusion im Spiegel der Medien

Mit der Studie möchte die BGW die berufliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen voranbringen. Die Studie kann unter medienstudie@bgw-online.de kostenfrei bestellt werden (ISBN 978-3-906501-24-6, solange der Vorrat reicht).