Welche Rolle spielt Arbeitszeit für gesundes und sicheres Arbeiten? Welchen Stellenwert hat Vertrauen in Bezug auf Arbeitszeit und kann man ohne schlechtes Gewissen im Home-Office arbeiten? Wie funktioniert Führen auf Distanz und welchen neuen Herausforderungen müssen sich Führungskräfte stellen? DGUV Kompakt sprach darüber mit Prof. Dr. Dirk Windemuth, Direktor des Instituts für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IAG).

Das Bild zeigt eine grafische Darstellung über die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Freizeit

Arbeit 4.0 bringt neue Perspektiven und mehr Flexibiltät in die Arbeitswelt. Für das Home-Office ist Vertrauen zwischen Vorgesetzten und Beschäftigten eine Grundvoraussetzung.

Prof. Dr. Windemuth, Regelungen zu Arbeitszeiten, Ruhezeiten und Pausen – wie wichtig sind sie für sicheres und gesundes Arbeiten?

Die in Deutschland im Arbeitszeitgesetz vorgeschriebenen Arbeitszeit- und Pausenregelungen sind sinnvoll und wertvoll.
Die dort festgehaltenen Mindestruhezeiten von elf Stunden – also die Zeit von Arbeitsende bis zum Arbeitsanfang – geben
einen Rahmen für ausreichend Schlaf zur Erholung. Bei Erwachsenen sind dies im Durchschnitt acht Stunden pro Nacht. Die
drei Stunden, die die Ruhezeit darüber hinaus geht, benötigen wir für die Fahrt zur Arbeit und zurück, für die sogenannte Familienarbeit, alltägliche Besorgungen, Freizeit usw. Nur mit den elf Stunden Ruhezeit kann somit ausreichender und erholsamer Schlaf gewährleistet werden. Über längere Zeit zu wenig Schlaf führt zu geringerer Erholung. Dies kann zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen und Fehlverhalten führen und zu Unfällen beitragen. Auch die Produktivität der Menschen
leidet darunter. Die Folgen: Verluste für den Betrieb und weitere Mehrarbeit für die Beschäftigten, weil sie nicht mehr effizient arbeiten.

Das Urteil des Europäischen Gerichtshofes zur systematischen Erfassung der Arbeitszeit hat viele Diskussionen
ausgelöst. Mit dem Urteil werde die Vertrauensarbeitszeit abgeschafft – so ein Kritikpunkt. Wieviel Vertrauen ist denn nötig beim Thema Arbeitszeit?

Ohne Vertrauen können Menschen nicht längere Zeit zusammenleben oder -arbeiten. Im modernen Arbeitsleben ist das wichtiger als je zuvor. Das Gegenteil von Vertrauen ist Misstrauen, das zur Kontrolle führt. Kontrolle ist aber bei den allermeisten
Arbeiten nicht mehr in der Art möglich, wie sie früher war. Die in Stückzahlen messbare Arbeit, wie beispielsweise Akkordarbeit, ist nicht mehr der Regelfall. Stattdessen gibt es weit komplexere Arbeitsergebnisse, deren Basis in Stunden kaum noch von außen messbar ist. Die Arbeitszeit durch die Anwesenheit im Büro zu quantifizieren, geht ins Leere, wenn man nicht die totale Überwachung der Arbeit des Beschäftigten einzuführen versucht. Diese Form der Kontrolle war noch nie hilfreich und passt überhaupt nicht zu modernen Formen der Arbeit. Anders ausgedrückt: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser.

Stichwort Home-Office – hier spielt das Vertrauen eine noch größere Rolle. Was können Beschäftigte gegen das latent schlechte Gewissen tun, weil sie im Home-Office auch mal Pause machen und nicht erreichbar sind?

Home-Office ist für viele Menschen eine völlig neue Art zu arbeiten – frei von Kontrolle und Zwang. Das muss man erst lernen. Und man muss auch lernen, den Kollegen und Kolleginnen zu vertrauen, dass die ihre Arbeit erledigen, wenn sie nicht im Betrieb arbeiten. Das erfordert Vertrauen auf beiden Seiten. Die Erreichbarkeit im Home-Office ist dafür ein gutes Beispiel. Natürlich muss ich zu Hause erreichbar sein, wenn ich dort arbeite. Genauso selbstverständlich ist es aber auch, dass es gelegentlich vorkommt, dass ich nicht direkt und sofort erreichbar bin. Auch zu Hause muss ein Beschäftigter Pausenregeln einhalten, nach ein paar Stunden etwas essen oder zwischendurch ein Getränk holen – das tun wir doch im Büro auch. Grundsätzlich müssen natürlich die Arbeitszeit und die Konzentration der Arbeit gehören. Genauso selbstverständlich
muss sein, dass es auch zu Hause ein klares Arbeitsende gibt. Dann wird der Stift niedergelegt und der Computer ausgeschaltet. Das ist nicht trivial, denn Studien belegen, dass bei Vertrauensarbeitszeit, die im Home-Office meistens gilt, mehr gearbeitet wird. Klare Regeln oder Absprachen helfen dabei, dass beide Seiten die Grenzen kennen und ziehen können. Darüber hinaus gilt auch hier: Wenn die Basis der Arbeit gegenseitiges Vertrauen ist, dann ist die Arbeit effektiver und viel schöner.

Vertrauen bedeutet aber auch eine besondere Verantwortung für die Führungskräfte?
Auch für Vorgesetzte ist Home-Office und das Führen auf Distanz eine neue Situation. Oft ist es schwer, über Medien, statt
direkt spontan Rückmeldungen zu geben. Aber diese und weitere emotionale Kompetenzen kann man lernen – und sehr, sehr viele Führungskräfte haben sich hier schon sehr weit entwickelt. Das muss man anerkennen! Die schwierigste Aufgabe ist dabei, zu den an einem anderen Ort Arbeitenden einen engen Kontakt zu behalten. Dieser Kontakt ist auch wichtig, um die belegte häufigere Benachteiligung von Beschäftigten im Home-Office bei betrieblichen Entscheidungen zu vermeiden, zum Beispiel bei Beförderungen.

Ohne Vertrauen geht es also nicht?

Nein! Das Vertrauen im Betrieb ist ein zentraler Faktor für ein gutes, wertschätzendes und präventives Betriebsklima. Dies versuchen wir im Moment auch durch eine gemeinsame Forschungsstudie mit einem südkoreanischen Partnerinstitut zu belegen. Insofern bin ich froh, dass wir mit der Präventionskampagne kommmitmensch der gesetzlichen Unfallversicherung bei diesem zentralen Merkmal des Betriebsklimas massive Unterstützung erfahren. Hier geht es bei den Handlungsfeldern
Führung, Fehlerkultur und Betriebsklima auch ganz stark um Vertrauen. Es werden den Nutzern viele Hilfsmittel an die Hand gegeben, um das Miteinander über Hierarchien hinweg in den Betrieben zu fördern.

Das Bild zeigt Dr. Dirk Windemuth, Direktor des IAG

Dr. Dirk Windemuth

Direktor des Instituts für
Arbeit und Gesundheit der
Deutschen Gesetzlichen
Unfallversicherung (IAG)