Im Gespräch mit Professor Dr. Ernst Hallier, Vorsitzender des Ärztlichen Sachverständigenbeirats „Berufskrankheiten“


Im September 2016 hat die neue fünfjährige Beratungsperiode des Ärztlichen Sachverständigenbeirats „Berufskrankheiten“ begonnen. Dieser unterstützt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales als unabhängiges Beratungsgremium in medizinisch-wissenschaftlichen Fragen. Er ist unter anderem für die Sichtung und Bewertung von wissenschaftlichen Erkenntnissen über Berufskrankheiten zuständig. DGUV Kompakt sprach mit dem wiedergewählten Vorsitzenden des Ärztlichen Sachverständigenbeirats „Berufskrankheiten“ (ÄSVB), Professor Dr. Ernst Hallier, über die Arbeit des Beirats und die neu empfohlenen Berufskrankheiten.

Herr Professor Hallier, kurz gesagt: was ist die Aufgabe des Ärztlichen Sachverständigenbeirats „Berufskrankheiten“ und welche Rolle spielt er bei der Fortentwicklung des deutschen Berufskrankheitenrechts?

Der Ärztliche Sachverständigenbeirat ist ein internes Beratungsgremium des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS). Er besteht aus wissenschaftlich ausgewiesenen Arbeitsmedizinern und Epidemiologen, die vom Ministerium ernannt werden und ihre Beratungstätigkeit ehrenamtlich, d.h. unentgeltlich, ausüben. Je nach Fragestellung können Wissenschaftler anderer Fachgebiete als externe Sachverständige hinzugezogen werden. Der Beirat sichtet die medizinisch wissenschaftliche Literatur und bewertet sie im Hinblick auf die Verursachung von Krankheiten durch Einflüsse der Arbeitstätigkeit. Die Stellungnahmen und Empfehlungen des Beirats dienen dem Bundesministerium als wissenschaftliche Informationsgrundlage für sozialpolitische Entscheidungen zum Berufskrankheitenrecht, insbesondere für die Aufnahme von Krankheitsbildern in die amtliche Liste der Berufskrankheiten. Sie können auch dazu beitragen, bereits bestehende Berufskrankheiten an die aktuelle Erkenntnislage anzupassen oder alte unscharf definierte Berufskrankheiten zu präzisieren.

Wie gehen Sie vor, um geeignete Krankheiten für die Prüfung zur bzw. für die Aufnahme in die Berufskrankheitenverordnung zu identifizieren?

Hierfür gibt es keine starren Vorgaben. Anlass für eine Prüfung kann z.B. die Einstufung eines Arbeitsstoffes als krebserzeugend für den Menschen sein. Es können aber auch Berufskrankheiten-Anzeigen und Verfahren zur sogenannten „Öffnungs-Klausel“ (§9 Abs 2 SGB VII) sein. Oder mehrere Veröffentlichungen in der internationalen wissenschaftlichen Literatur, die auf arbeitsbedingte Zusammenhänge von Erkrankungen hinweisen.
Die Empfehlung eines Krankheitsbildes zur Aufnahme in die Liste der Berufskrankheiten ist ein mehrstufiges Verfahren. Zuerst muss die wissenschaftliche Literatur umfassend recherchiert werden. Im zweiten Schritt wird geprüft, ob ein am Arbeitsplatz vorkommender Einflussfaktor generell geeignet ist, die Krankheit zu verursachen. Als Grundlage dienen vor allem klinische und molekularbiologische Erkenntnisse zur Entstehung der Erkrankung (Pathogenese), zum Beispiel wie UV-Strahlung zu Hautkrebs führt. Eine wertvolle Informationsquelle sind Bewertungen wichtiger Institutionen, z.B. der Weltgesundheitsorganisation oder der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Der dritte und letzte Schritt ist die Feststellung der Gruppentypik. Das Berufskrankheitenrecht verlangt nämlich, dass eine bestimmte Personengruppe durch ihre Arbeit der Gefahr der Erkrankung in wesentlich höherem Maße ausgesetzt ist als die Allgemeinbevölkerung. Diese Abgrenzung ist meist viel schwieriger als die Feststellung der generellen Geeignetheit und erklärt auch, warum manche Krankheitsbilder noch nicht in die Liste der Berufskrankheiten aufgenommen werden konnten, obwohl die Pathogenese ziemlich eindeutig ist. Beim Hautkrebs durch natürliche UV-Strahlung musste z.B. berücksichtigt werden, dass ein großer Teil der Allgemeinbevölkerung der UV-Strahlung in erheblichem Maße ausgesetzt ist, etwa durch Urlaubsreisen. Da war die Abgrenzung der beruflichen von der privaten Exposition schwierig.


Ärzte sowie Arbeitgeber müssen den Verdacht auf das Vorliegen einer Berufskrankheit an den zuständigen Unfallversicherungsträger melden

Sie haben gerade neue Krankheiten zur Aufnahme in die Berufskrankheitenverordnung empfohlen. Warum ausgerechnet diese? Auf welcher Grundlage werden die Krankheiten ausgewählt?

Aktuell haben wir die Aufnahme von vier Krankheitsbildern in die Liste der Berufskrankheiten empfohlen. Es handelt sich um Leukämie durch Butadien, Kehlkopfkrebs und Harnblasenkrebs durch polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) und die fokale Dystonie bei Instrumentalmusikern. Butadien ist als krebserzeugend für den Menschen eingestuft worden. PAK sind als Verursacher von Lungenkrebs bekannt, nun wurden auch der Kehlkopf und die Harnblase als Zielorgan festgestellt. Hier war die Abgrenzung der arbeitsbedingt betroffenen Personengruppe epidemiologisch schwierig, da die häufigste PAK-Einwirkung und Ursache von Kehlkopfkrebs und Harnblasenkrebs der Tabakrauchkonsum ist; wir hatten also ein ähnliches Problem wie bei der UV-Strahlung. Die fokale Dystonie ist eine sehr seltene neurologische Erkrankung, die bei den betroffenen Musikern meistens zur Berufsunfähigkeit führt.

Welche Berufsgruppen sind von den jetzt neu empfohlenen Berufskrankheiten besonders betroffen?

Butadien ist ein Grundstoff der chemischen Industrie für die Herstellung von synthetischem Gummi bzw. Kautschuk und von bestimmten Kunststoffen. Daher sind in erster Linie Chemiearbeiter betroffen. PAK entstehen bei unvollständiger Verbrennung von Kohlenstoffverbindungen und sind in Kohle- und Erdöl enthalten. Betroffen sind z.B. Personen mit Exposition gegen Ruß oder Teer, etwa Kokereiarbeiter und Schornsteinfeger. Die fokale Dystonie betrifft Instrumentalmusiker, die täglich viele Stunden üben müssen; ein berühmtes Opfer dieser Krankheit war der Pianist und Komponist Robert Schumann.

Hat sich der ÄSVB für die neue Beratungsperiode besondere Schwerpunkte gesetzt?

Im Fokus stehen derzeit Verschleißerkrankungen der Gelenke, insbesondere des Hüft- und des Schultergelenks. Da diese Krankheiten in der Allgemeinbevölkerung sehr häufig vorkommen, wird es nicht einfach sein, die berufliche Verursachung von außerberuflichen Faktoren abzugrenzen. Weitere Themen sind der Eierstockkrebs durch Asbest und der Nierenkrebs durch das früher in großen Mengen verwendete Lösungsmittel Trichlorethylen. Von der Öffentlichkeit wird oft eine Befassung mit psychischen Erkrankungen gefordert. Diese Thematik halten auch wir für äußerst wichtig; jedoch ist es bislang nicht möglich gewesen, bestimmte beruflich besonders betroffene Personengruppen mit epidemiologischer Methodik zu identifizieren und die beruflichen von außerberuflichen Einflüssen, wie Belastungen durch familiäre oder finanzielle Probleme, abzugrenzen.

Professor Dr. Ernst Hallier

Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Georg-August-Universität Göttingen und Vorsitzender des Ärztlichen Sachverständigenbeirats „Berufskrankheiten“