Im Gespräch mit dem stellvertretenden DGUV-Hauptgeschäftsführer und DVR-Präsidenten Dr. Walter Eichendorf

Am 18. Oktober starten Berufsgenossenschaften und Unfallkassen ihre neue Kampagne kommmitmensch zu Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit. Das Ziel: die Kultur der Prävention in den Unternehmen zu fördern. DGUV Kompakt sprach mit Dr. Walter Eichendorf, stv. Hauptgeschäftsführer der DGUV, über die neue Kampagne, warum Prävention sich lohnt und welche Rolle Führungskräfte bei der Etablierung einer neuen Präventionskultur spielen.


Unternehmen und Verwaltungen profitieren von einer guten Präventionskultur unter anderem durch geringere Ausfallzeiten und Unfallzahlen, den Zugewinn an Qualität und Attraktivität.

Was bedeutet Präventionskultur eigentlich?

Präventionskultur beschreibt den Umgang mit Sicherheit und Gesundheit in einer Organisation oder einem Unternehmen. Zählt Prävention zu den Werten? Berücksichtigen Führungskräfte und Beschäftigte Sicherheit und Gesundheit als unverzichtbaren Baustein ihres Denkens und Handelns? Hat der Schutz von Leben und Gesundheit Vorrang vor anderen Zielen? Darum geht es bei Präventionskultur.

Klingt abstrakt. Warum machen Sie die Präventionskultur zum Thema einer Kampagne?

Weil wir eine Welt anstreben, in der insbesondere schwere und tödliche Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten nicht mehr vorkommen – die so genannte Vision Zero, die Sie vielleicht auch aus der Verkehrssicherheit kennen. Wir haben hier in der Vergangenheit schon viel erreicht. Die Zahl der tödlichen Arbeitsunfälle ist in den vergangenen Jahrzehnten enorm zurückgegangen. Das bedeutet aber auch: Jeder Unfall wird immer stärker ein isoliertes Ereignis, aus dem wir kaum noch etwas lernen können. Deshalb müssen wir die Kultur der Prävention selbst thematisieren. Wir müssen es schaffen, dass alle Betriebe, alle Schulen, alle öffentliche Einrichtungen, alle Menschen Prävention zu ihrem 24/7-Thema machen, rund um die Uhr zum ständigen Begleiter sozusagen. Das ist das Ziel unserer neuen Präventionskampagne kommmitmensch.

Schnell erreicht ist so ein Ziel aber nicht, oder?

Richtig. Ein Wertewandel braucht Zeit. Das ist auch der Grund, warum wir die Kampagne auf einen sehr langen Zeitraum von zehn Jahren mit mehreren Zwischenevaluationen zur Optimierung ausgerichtet haben. Am 18. Oktober startet zuerst die mediale Dachkampagne, die Aufmerksamkeit für das Thema wecken soll. Ab März 2018 gehen wir dann mit dem ersten Thema „Führungskultur“ in die Betriebe. Dann starten auch die Trägerkampagnen der Berufsgenossenschaften und Unfallkassen.

Warum zuerst Führungskultur?

Führung ist nicht alles, aber ohne gute Führung ist alles nichts. Wenn an der Spitze eines Unternehmens oder einer Organisation ein Mensch steht, der beim Thema Sicherheit nachlässig ist, der nachlässig mit seiner Gesundheit umgeht, dann färbt das negativ auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ab. Führung macht den Unterschied.

Die Internationale Vereinigung für Soziale Sicherheit (IVSS) hat eine Kampagne zur Vision Zero gestartet. Die erste der sieben goldenen Regeln dieser Kampagne lautet: Leben Sie Führung – zeigen Sie Flagge! Kein Zufall, oder?

Die Kampagne der IVSS will weltweit Unternehmen ermutigen, durch Investitionen in eine gesunde und motivierte Belegschaft Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten systematisch zu reduzieren. Weltweit reden wir über ein ganz anderes Niveau von Sicherheit und Gesundheit als hier bei uns. Aber es ist kein Zufall, dass auch dort Führung an erster Stelle steht. Denn wenn Sie als Führungskraft Sicherheit und Gesundheit nicht jeden Tag vorleben, dann werden Sie keinen Erfolg haben – egal ob in Deutschland oder in Pakistan. Deshalb müssen auf dem Weg zu einer Präventionskultur alle „mitkommen“. Aber die Kampagne kommmitmensch in Deutschland geht über die Vision Zero und über die betriebliche Ebene hinaus: es geht um Eltern, die einen Fahrradhelm tragen, um den Vater der seinem Sohn erklärt, dass im Scheitern auch Chancen liegen, um Wertschätzung untereinander. Es geht darum, Fehler machen zu dürfen und aus ihnen zu lernen – im Betrieb, im Ehrenamt, an Schulen und im Privatleben. Es geht eben um die Prävention als Wert – und Werte enden nicht am Werktor und nicht bei Feierabend.

Ist Präventionskultur nicht eher ein Thema für große Konzerne und weniger für kleine und mittlere Betriebe?

Viele der großen Betriebe haben in diesem Bereich schon eine Menge gemacht. Sie sind aufgrund ihrer weltweiten Tätigkeit, aber auch aufgrund der Erfahrung mit schweren Unfällen viel mehr als kleine und mittlere Betriebe (KMU) gezwungen, Sicherheit und Gesundheit in betriebliche Abläufe zu integrieren. Nicht zuletzt auch aus Sorge um ihre Reputation. Einen Kleinbetrieb trifft es aber letztlich viel härter, wenn ein schwerer Unfall passiert. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Studien, die zeigen: Investitionen in Prävention erzielen ungefähr das Doppelte an Rendite. Das gilt auch für KMU. Dazu kommt, dass gerade kleine und mittlere Betriebe Schwierigkeiten haben, gute Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu gewinnen. Und bei der Entscheidung für oder gegen einen Arbeitgeber hilft es, wenn das Unternehmen oder die Organisation in dem Ruf steht, eine Kultur der Prävention zu fördern.

 

 

Das Logo der neuen Präventionskampagne kommmitmensch – dazu laden Berufsgenossenschaften und Unfallkassen mit ihrer neuen Kampagne ein. Wer der Einladung folgt, lernt die Stellschrauben für ein sicheres und gesundes Arbeiten und Leben kennen.

 www.kommmitmensch.de