Als stellvertretender Hauptgeschäftsführer der DGUV hat Dr. Walter Eichendorf insbesondere den Bereich Prävention 20 Jahre maßgeblich mitgestaltet. Ein Thema, welches Dr. Eichendorf mit viel Beharrlichkeit und persönlichem Engagement vorangetrieben hat, ist das Konzept der Vision Zero – einer Welt ohne tödliche und schwere Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten. Darüber sprach er anlässlich seines Ausscheidens zum 31. Oktober mit DGUV Kompakt.

Das Bild zeigt Dr. Walter Eichendorf, der einen Impulsvortrag zum Auftakt der Präventionskampagne kommmitmensch auf der Messe A+A in Düsseldorf 2017 hält.

Menschen dafür gewinnen, sich für Sicherheit und Gesundheit zu engagieren. Dr. Walter Eichendorf beim Impulsvortrag während der Auftaktveranstaltung für die Präventionskampagne kommmitmensch im Rahmen der A +A 2017 in Düsseldorf.

Herr Dr. Eichendorf, das Konzept der Vision Zero haben Sie wesentlich auf den Weg gebracht. Wie nah sind wir in Deutschland an dieser Vision?
Deutschland ist inzwischen eines von nur vier Ländern weltweit, die über mehrere Jahre eine Häufigkeit von weniger als 1,0 tödlichem Arbeitsunfall je 100.000 Beschäftigte erreicht haben. Regierungsdokumente in etlichen Ländern beziehen sich auf diesen Erfolg in Deutschland. Sie machen deutlich, dass das Ziel der Vision Zero erreicht werden kann, wenn man sich richtig in der Prävention engagiert.

Die Vision Zero ist inzwischen ein internationales, ja weltweites Konzept. Können Sie eine erste Bilanz ziehen?
2011 beim Weltkongress in Istanbul war die DGUV mit der Vision Zero und der Studie zum Return on Prevention der Trendsetter. 2014 beim Weltkongress in Frankfurt waren die sehr emotionalen Bekenntnisse der damaligen Arbeitsministerin Andrea Nahles und des ILO-Generaldirektors Guy Ryder zur Vision Zero der internationale Durchbruch. 2017 in Singapur hat die IVSS ihre weltweite Kampagne VISION ZEROOO gestartet und inzwischen hat es auf allen Kontinenten mehr als 50 regionale Auftaktveranstaltungen gegeben. Es hat zehn Jahre gedauert, aber jetzt ist die von DGUV und Deutschem Verkehrssicherheitsrat (DVR) initiierte Strategie der Vision Zero eine wirklich weltweite Erfolgsgeschichte.

Die aktuelle Präventionskampagne kommmitmensch der gesetzlichen Un-fallversicherung ist eng verwandt mit der Vision Zero. Die Kampagne soll dazu beitragen, eine Kultur der Prävention in allen Lebensbereichen zu etablieren. Wie kann das gelingen?
Der Leitsatz der Kampagne lautet: „Sicherheit und Gesundheit sind Werte für alle Menschen, jede Organisation und die Gesellschaft. Sie sollen Gegenstand allen Handelns werden. Präventives Handeln ist lohnend und sinnstiftend.“ Werte sind der Schlüssel. Wir wollen erreichen, dass Sicherheit und Gesundheit gleichberechtigt mit anderen Werten wie Ehrlichkeit, Liebe, Treue, Zuverlässigkeit und weitere im Wertegerüst der Menschen und Institutionen verankert werden. Dann sind Sicherheit und Gesundheit ein 24/7-Thema – also rund um die Uhr – und werden wirklich Gegenstand allen Handelns. Natürlich geht das nur langsam und schrittweise, aber deshalb ist die Kampagne ja auch auf zehn Jahre angelegt.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung bei einer Kultur der Prävention? Wie steht es um die Prävention 4.0?
Das ist derzeit eines unserer spannendsten Themen. Neue Formen der Arbeit erfordern neue Formen der Prävention. Ambient Intelligence, Augmented Reality, räumliche und zeitliche Flexibilisierung – um nur einige Treiber zu nennen – müssen bei einer ganzheitlichen und vorausschauenden Beurteilung der Arbeitsbedingungen berücksichtigt werden. Das passt zu unserem Risikoobservatorium, mit dem wir die Präventionsmaßnahmen vor dem Risiko an die Arbeitsplätze bringen. Das ist schon mehrfach gelungen. Wir haben außerdem ein Forschungsprojekt zur Prävention psychischer und physischer Gesundheitsrisiken durch neue Formen der Arbeitsverdichtung ausgeschrieben. Dazu haben wir acht Projektskizzen erhalten, eine davon werden wir auswählen und ab 2019 fördern. Auch dieses Beispiel zeigt: Zur Digitalisierung und zu Prävention 4.0 setzen wir entscheidende Impulse.

Sie bleiben Präsident des Deutschen Verkehrssicherheitsrates – und damit wird es weiter Berührungspunkte mit der gesetzlichen Unfallversicherung geben.
Im Durchschnitt aller Berufsgenossenschaften und Unfallkassen geschehen fast zwei Drittel der tödlichen Unfälle im Straßenverkehr, ebenso ein Viertel der schweren Unfälle. Ein Drittel der Entschädigungsleistungen entfallen auf Straßenverkehrsunfälle. Damit sind sie fast überall die Unfallursache Nummer Eins. In der engen Partnerschaft mit dem DVR haben wir gute Chancen, die Vision Zero auch in diesem Bereich umzusetzen. Wir kennen die großen Ursachen wie nicht angepasste Geschwindigkeit, Alkohol am Steuer, Ablenkung usw. Und wir kennen auch die Präventionsstrategien dazu. Allerdings ist es schwieriger als am Arbeitsplatz, das Verhalten von Menschen im Straßenverkehr zu beeinflussen. Deshalb betrachten wir immer gemeinsam: die Infrastruktur mit fehlerverzeihenden Straßen, die unfallvermeidende und Unfallfolgen reduzierende Fahrzeugtechnik und das Verhalten der Menschen.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Sie werden im Ruhestand hoffentlich etwas mehr Zeit haben?
Man muss da schon ehrlich sein. Der Job an der Spitze der DGUV ist ein Knochenjob mit hohem Termindruck, sehr enger Taktung, anspruchsvollen Reiseplanungen und oft massiven Versuchen von Einflussnahmen. Und manche Sitzungen haben es in sich: Die ersten Grundsatzbeschlüsse zur Vision Zero in der DGUV und im DVR gleichermaßen waren sehr komplex. Auch die jährlichen Haushaltsverhandlungen der DGUV sind nicht vergnügungssteuerpflichtig. Aber klar ist: All das gehört zu diesem Job. Natürlich habe ich mir in all den Jahren Zeit für Urlaub und Sport, für meine Freunde aus dem Lions Club Bonn-Rheinaue und für meine Frau und mich genommen. Aber die zeitlichen Ressourcen, etwa für eine Ausdehnung unserer sportlichen Aktivitäten, für eine Verlängerung der bei 21 stagnierenden Liste der von mir bestiegenen 4.000er-Gipfel, für eine bessere Betreuung des Juris-Kommentars zu den Präventionsparagraphen des SGB VII und vieles mehr, haben gefehlt. Selbst um die Verkehrssicherheit konnte ich mich als Präsident des DVR bisher nicht immer in dem Maße kümmern, wie ich es gern getan hätte. All das steht jetzt an!

Mehr Informationen zur Vision Zero:
Web: www.visionzero.global/de