Im Gespräch mit Thomas Wittschurky, Geschäftsführer der Feuerwehr-Unfallkasse Niedersachsen

Im Einsatz sind Feuerwehrleute nicht nur Unfallgefahren ausgesetzt. Sie können auch Kontakt mit krebserzeugenden Gefahrstoffen wie Ruß, Asbest und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen haben. Diese Substanzen werden bei Bränden freigesetzt und können entweder über die Atemluft oder über die Haut in den Körper gelangen. Im Einsatz tragen Feuerwehrmänner und -frauen daher Persönliche Schutzausrüstung (PSA). Dennoch gab es in der jüngeren Vergangenheit immer wieder die Sorge, dass dieser Schutz nicht ausreicht. Diese äußerte sich beispielsweise in Anfragen an die niedersächsische Landesregierung. DGUV Kompakt sprach mit Thomas Wittschurky, Geschäftsführer der Feuerwehr-Unfallkasse Niedersachsen, über ein neues Forschungsprojekt, mit dem die gesetzliche Unfallversicherung untersucht, ob Lücken in der Prävention bestehen und wie man sie schließen kann.

Herr Wittschurky, welchen Gefahrstoffen sind Feuerwehrleute im Einsatz ausgesetzt?

Vor allem Verbrennungsprodukten wie Ruß und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen. Je nachdem, wie alt das Objekt ist, das brennt, kann auch Asbest dabei sein.

Vor diesen Stoffen sollte die Atemschutzmaske ja eigentlich schützen.

Das tut sie auch. Auswertungen internationaler Studien haben zum Beispiel kein erhöhtes Risiko für Lungenkrebs bei Feuerwehrleuten gefunden. Wozu es allerdings bislang kaum Untersuchungen gibt, ist, ob Gefahrstoffe über den Hautkontakt in den Körper gelangen können.

Ist das denn vorstellbar?

Vorstellbar ja, Genaues wissen wir aber eben nicht. Was wir wissen, ist, dass sich Staub und Ruß auf der Haut ablagern – auf Stirn und Nacken, teilweise aber auch unter der Kleidung. Der Ruß wird zwar bei der Dusche danach abgewaschen und die Einsatzkleidung kommt in die Reinigung, aber was bis dahin schon über die Haut aufgenommen wurde, ist nicht geklärt. Dazu hat die DGUV nun ein eigenes Forschungsprojekt initiiert.

Wie wollen Sie herausfinden, ob etwas im Körper ankommt?

Es gibt inzwischen ausgefeilte Methoden, um zu prüfen, ob jemand Gefahrstoffen ausgesetzt war. Wir können hier auf die Kompetenz und das Knowhow der Institute der DGUV zurückgreifen. Zum einen werden unsere Fachleute untersuchen, welche Gefahrstoffe in typischen Einsatzsituationen wie Bränden in Wohnungen oder Fahrzeugen vorkommen. Unsere Hoffnung ist, dass wir daraus standardisierte „Gefahrstoffprofile“ ableiten können. Das würde den Feuerwehren dann die Dokumentation erleichtern – zum Beispiel mit Hilfe der Expositionsdatenbank der DGUV. Zur Dokumentation sind die Träger der Feuerwehr nämlich gesetzlich verpflichtet. Zum anderen untersuchen wir auch die Feuerwehreinsatzkräfte selbst. Anhand von Urin- und Blutproben kann man feststellen, ob eine erhöhte Belastung aufgetreten ist.

Das Bild zeigt einen Feuerwehrmann in voller Montur vor einem brennenden Auto.

Die Persönliche Schutzausrüstung soll Feuerwehrleute im Einsatz vor dem Kontakt mit krebserzeugenden Gefahrstoffen schützen. Doch reicht dieser Schutz aus?

Und wenn Sie in den Proben etwas finden?

Dann können wir daraus Rückschlüsse ziehen, wie wir den Menschen besser schützen können. Das kann bedeuten, die Einsatzkleidung zu verbessern oder die Hygiene in Feuerwehrhäusern – also zum Beispiel, indem man noch stärker darauf achtet, die Bereiche, in denen die verschmutzte Einsatzkleidung abgelegt wird, von den Bereichen zu trennen, in denen die private Kleidung lagert.

Das klingt, als könnten neue Kosten auf die Gemeinden zukommen.

Nicht unbedingt. Bestimmte Ausrüstungsgegenstände müssen ohnehin regelmäßig ersetzt oder erneuert werden. Da muss man dann nur darauf achten, dass man den aktuellen Stand der Technik berücksichtigt. Dazu berät dann die Unfallkasse. Ich sage aber auch: Wer sein Leben für andere einsetzt, hat das Recht, dass die Gemeinschaft alles tut, um die Risiken, die er eingeht, zu minimieren.

Könnten die Ergebnisse des Projekts eines Tages auch die Anerkennung von Berufskrankheiten ermöglichen?

Zunächst: Die Anerkennung einer Berufskrankheit ist bereits heute möglich, wenn unsere Versicherten im Einsatz Gefahrstoffen ausgesetzt waren und eine Krankheit bekommen, die in der Liste der Berufskrankheiten verzeichnet ist. Das gilt auch für Krebserkrankungen. In der jüngeren Vergangenheit wurde aber auch über Krebserkrankungen diskutiert, die auch häufig in der Allgemeinbevölkerung auftreten und damit nur schwer oder sogar unmöglich von einem beruflich erhöhten Krebsrisiko zu unterscheiden sind. Die wissenschaftlichen Studien, die es zu diesem Thema gibt, kommen zu keinem einheitlichen Ergebnis. Mal zeigen diese Studien für bestimmte Krebsformen ein erhöhtes Risiko, mal keines. Das könnte unter anderem daran liegen, dass sich der Dienst in der Feuerwehr und die Ausstattung mit Schutzausrüstung je nach Land und insbesondere nach Einsatzsituation erheblich unterscheiden können. Das ist also anders als bei einem Fabrikarbeiter, der über Jahre jeden Tag den gleichen Einwirkungen bei der Arbeit ausgesetzt ist. Unsere Daten können vielleicht ein Baustein sein, um hier Licht ins Dunkel zu bringen – und vielleicht sogar, um unseren Versicherten die Angst vor einem einsatzbedingten Krebsrisiko zu nehmen. Möglicherweise kann die Studie ja auch keine erhöhte Aufnahme von Gefahrstoffen feststellen.

Wann rechnen Sie mit Ergebnissen?

Das Projekt ist auf eineinhalb Jahre angelegt. Ich gehe davon aus, dass wir dann auch mit ersten Ergebnissen rechnen können.

Das Bild zeigt Thomas Wittschurky, Geschäftsführer der Feuerwehr-Unfallkasse Niedersachsen.

Thomas Wittschurky

Geschäftsführer der Feuerwehr-Unfallkasse Niedersachsen