Mit mehr als fünf Millionen Beschäftigten ist das Gesundheitswesen die größte Branche in Deutschland. Zu den wichtigsten Herausforderungen der Gesundheitspolitik gehört neben dem demografischen Wandel auch die Digitalisierung. Die Bundesregierung hat dazu inzwischen einige Initiativen gestartet und unter anderem das E-Health-Gesetz erlassen. Ziel ist es, die Chancen der Digitalisierung für die Gesundheitsversorgung zu nutzen und schneller nutzbringende Anwendungen zu ermöglichen. DGUV Kompakt sprach mit Prof. Dr. med. Axel Ekkernkamp, Ärztlicher Direktor des Berufsgenossenschaftlichen Unfallkrankenhauses in Berlin und seit Mai Ressortleiter Medizin im Klinikverbund der gesetzlichen Unfallversicherung (BG Kliniken).


Bereits heute ist die Digitalisierung in den BG Kliniken sehr weit fortgeschritten: Beispiele sind die mobile Visite, das elektronische Medikamenten-Managementsystem und die digitale Patientenakte.

Herr Prof. Ekkernkamp, wie sieht die Medizin von morgen aus?

Die Medizin und IT werden immer stärker zusammenwachsen. Schon heute beschäftigen wir uns mit Entwicklungen wie E-Health, Internetmedizin und Telemonitoring. Ich bin sicher: Die digitale Revolution wird sowohl die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen als auch das Angebot von Gesundheitsversorgern verändern. Über Gesundheit wird zunehmend im Netz diskutiert. Das hat Auswirkungen auf die Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten. Krankenhäuser vernetzen sich – auch um voneinander zu lernen. Digitale Krankenakten tragen mit dazu bei, Leben zu retten. Neue Technologien in der Medizin bieten Chancen, neben einer besseren und effizienteren Versorgung vor allem den Erhalt der Selbstständigkeit älterer Menschen sicherzustellen. Es geht längst nicht mehr um das „Ob“ der Digitalisierung des Gesundheitssystems, sondern um das „Wie“. Es gilt der Satz: „Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert“.

Ist Deutschland denn für die Digitalisierung des Gesundheitswesens gerüstet?

Alle sprechen über das Erfolgsprojekt Arbeit 4.0. Unter großen Anstrengungen der Sozialpartner entsteht gerade eine hochmoderne Arbeitswelt, in der neue Technologien und Robotik neben dem Faktor Mensch dazu beitragen können, die Zahl der Arbeitsunfälle weiter zu reduzieren. Das Projekt Gesundheit 4.0 hinkt aus unterschiedlichen Gründen noch hinterher. Hier gibt es großen Nachholbedarf. Die Kliniken in Deutschland geben beispielsweise nur ein bis zwei Prozent ihres Budgets für IT aus. Dänemark investiert dagegen das Zehnfache. Mit dem E-Health-Gesetz wurde ein wichtiger Schritt getan – aber das reicht nicht. Bevor wir noch deutlich mehr als bislang von der Digitalisierung im Gesundheitsbereich profitieren, sind enorme Investitionen nötig, die einzelne Krankenhäuser oder Ärzte allerdings in den meisten Fällen gar nicht alleine stemmen können. Die Bundesregierung hat das erkannt und finanzielle Unterstützung beim Aufbau der digitalen Infrastruktur signalisiert.

Wo stehen die BG Kliniken beim Thema Digitalisierung?

Aktuell ist die Digitalisierung in den BG Kliniken schon sehr weit fortgeschritten. Wir treiben die Entwicklung aktiv voran und wollen fortlaufend innovativ sein. Beispiele dafür sind etwa die mobile Visite, das elektronische Medikamenten-Managementsystem, die digitale Patientenakte und im Bereich Telematik das Projekt der notfallmedizinischen Betreuung von Menschen auf hoher See oder auf Offshore-Windparks. Dennoch besteht auch in der Klinikgruppe großer Nachholbedarf. Das Ziel hat der IT-Leiter unserer Unternehmensgruppe eindeutig formuliert: Wir wollen bis 2025 die Nummer 1 der deutschen Kliniken im Bereich Digitalisierung werden.

Welche Chancen bietet die Digitalisierung für die Medizin bzw. das Gesundheitswesen?

Mit intelligenter Datennutzung und sektorenübergreifender Vernetzung lassen sich Krankheiten effizienter bekämpfen und Kosten sparen. Intelligente, mitdenkende Systeme entlasten und verbessern die Arbeit von medizinischen Fachkräften erheblich, es bleibt mehr Zeit für die individuelle Betreuung der Patienten. Zudem ist eine bessere Ressourcensteuerung möglich: Zukünftig wird ein Radiologe seine Zeit nicht mehr mit dem Befunden von CT-Bildern verbringen müssen. Die Diagnose wird durch Software erstellt, der Arzt kann stattdessen therapeutisch arbeiten. Roboter mit ihren hochintelligenten Mikrochips sind bei bestimmten Indikationen zu komplexeren und feineren Eingriffen fähig als Ärzte. Auch die rekonstruktiven Möglichkeiten des 3D-Printings, bei dem durch die Nutzung körpereigener Stammzellen schon bald Organe entstehen, werden die Medizin erheblich weiter nach vorn bringen. Schon jetzt können schwerste Verletzungen im Gesicht oder große tumorbedingte Defekte durch individuelle Herstellung von Implantaten hervorragend versorgt werden. Big Data verändert alle bisher bekannten zeitlichen und räumlichen Dimensionen. So wird die Entwicklung von personalisierter Medizin, etwa im Bereich der Onkologie, überhaupt erst möglich. Datenanalysen können zum Risiko-Screening eingesetzt werden. Damit lässt sich berechnen, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Patient nach einer Gelenkoperation Komplikationen erleidet. Das steigert die Behandlungsqualität und davon profitieren gleichermaßen Versicherte sowie die Unfallversicherungen als Träger der BG Kliniken. Die Digitalisierung mit ihren Technologien und Algorithmen fordert uns heraus. Um erfolgreich bestehen zu können, werden wir uns verändern müssen. „Wir“ bedeutet in diesem Fall: die Behandler – und die Patienten.

Dr. med. Axel Ekkernkamp
Ärztlicher Direktor des Berufsgenossenschaftlichen Unfallkrankenhauses in Berlin und Ressortleiter Medizin im Klinikverbund der gesetzlichen Unfallversicherung